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An Bord wird über die Kunst der Nazis gespottet

Sonntag, 2. November So beginnt der Sonntag mit wieder einmal ziemlicher Spannung! „Werden wir ihn wiederkriegen oder nicht!?“ Das ist die Frage. Z.Zt. operieren mehrere Boote auf ihn und zudem sollen heute Flugzeuge kommen. Bin nun mal gespannt. Bei sehr guter Sicht ist bis mittags aber noch nichts zu entdecken. Gysae (U 98) meldet, daß Geleit in Sicht ist, später aber wird er abgedrängt! Schade! Er fand das Geleit durch Peilprüfen von einer Condor-Maschine, die für uns angesetzt ist. Haben selbst die Peilung gehabt, jedoch um 180° verkehrt.

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Buchheim erzählt viel von der Malerei, Kunstschaffen und solch nette Sachen. Die „Leda mit dem Schwan“ von (Paul Mathias) Padua, die dieser extra für München bzw. nur für die Herren Kunstsachverständigen Gauleiter Wagner, Goebbels, „Professor“ Hoffmann gemalt hat, findet Erwähnung. Wir schlackern mit Ohren und lachen. Padua, den man in München, den „Leibl“ nannte, bezeichnet man unter sich heute gern und treffend als „Unter-Leibl“.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Nett auch das Erlebnis in der Kunstausstellung, dem „Haus der deutschen Kunst“ oder auf dem „Bahnhof von Athen“, wie man diesen Bau auch bezeichnet. Nicht öffentlich natürlich, nur so in gewissen Kennerkreisen. Aufgehängt in der Ausstellung ein buntes Bild: Ein Zimmer – herumliegendes Papier – aufgewühlte Kisten und Schubladen – eine verängstigt dreinschauende weinende Frau – heulende Kinder – ein Schutzmann, ernst, mit geschwellter Brust und gezücktem Notizbuch. – Im Hintergrund, im Nebenzimmer, ein Mann mit blutender Wunde, gefesselt – so das Bild „schrecklich“ anzusehen, keine Spur von Kunst. Und die Beschauer, selbst Maler, stehen, betrachten und lachen laut. Eine Gruppe von Besuchern naht, die Maler schweigen vorsichtshalber sofort. – Einer der Herangekommenen betrachtet das Bild, schlägt im Katalog nach und liest vor: „Kampfzeit in Österreich“. Das erklärt vieles! Man lieber also nichts mehr sagen und „3 Kurz“ geben! Ein anderes Katalog-„Ding“. In einer Ausgabe (natürlich längst eingestampft!) erschien unter der lfd. Nr. 175 „So war die S.A.“ Entrüstung und Verhaftung war die Folge dieses unglücklichen Zufalls.

Finden den Geleitzug heute nicht wieder. Operieren nun in 140° in Richtung auf Gysae´s Sichtungsstandort. – Es frischt auf.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Zurzeit wird in München eine Diskussion über die Sanierung des „Haus der Kunst“ am Englischen Garten geführt. Bis 1945 hieß das Ausstellungsgebäude „Haus der Deutschen Kunst“. Es wurde 1937 zur „1. Großen Deutschen Kunstausstellung“ errichtet.

Parallel zu dieser als Verkaufs-Ausstellung angelegten Kunstschau, mit der der faschistische Kunstbegriff propagiert wurde, fand die Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ statt, mit der die Nazis ihr nicht genehme Werke diffamierten.

Gast an Bord von U 96 ist auf der 7. Feindfahrt Lothar-Günther Buchheim, seine offizielle Bezeichnung ist „Kriegsmaler“. Solche gibt es bei der Kriegsmarine nur zwei, Kriegsberichter hingegen zwei Kompanien. Im Ganzen sind der Wehrmacht und der SS im Zweiten Weltkrieg 15 000 Kriegsberichter unterstellt.

Was Buchheim laut den Tagebuch-Aufzeichnungen Friedrich Grades an Bord erzählt, hat er in der „Großen Deutschen Kunstschau“ selbst gesehen. Zur fünften „Großen Deutschen Kunstschau“ stellt Lothar-Günther Buchheim erstmalig selber Bilder aus. Es sind militärische Motive, sie heißen „Auf Vorposten“, „Sprungbereit“, „Auf dem Vormarsch“.

Wer in München ausstellt, wird gesehen – regelmäßig von den allerhöchsten NS-Kreisen. Der größte Käufer ist mit 1314 Exponaten Adolf Hitler selbst. Dahinter rangiert der Propagandaminister Josef Goebbels mit 217 Kunstkäufen. Goebbels gefällt das Buchheim-Motiv „Kapitänleutnant Engelbert Endraß“ (1943). Er kauft es für für 2400 Reichsmark (RM), wie der Online-Plattform des Zentralinstitutes für Kunstgeschichte zu entnehmen ist.

Bei dem von Buchheim auf U 96 angesprochenen Motiv „Kampfzeit in Österreich“ handelt es sich ohne Zweifel um ein NS-Propagandamotiv. Zum damals horrend hohen Preis von 14 000 Reichsmark kauft es August Eigruber, Mitglied des Reichstages, Landeshauptmann von Oberösterreich und „Gauleiter Oberdonau“. In seinen Verantwortungsbereich gehört das Konzentrationslager Mauthausen. Dem Kriegs- und Menschenverbrecher wird nach dem Zweiten Weltkrieg der Prozess gemacht, Eigruber wird am 28. Mai 1947 in Landsberg gehenkt.

Martin Bormann, einer der engsten Vertrauten Hitlers und Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, nimmt sich bereits am 2. Mai 1945 bei den Endkämpfen um Berlin das Leben. Sechs Jahre zuvor, 1939, hatte er in München für 5000 Reichsmark das Motiv „Leda mit dem Schwan“ erworben.

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Der salopp-ironische Ton im heutigen Tagebuch-Eintrag von Friedrich Grade spiegelt sowohl eine gewisse öffentliche Distanz der Rezeption der NS-„Kunst“ als auch eine insgesamt NS-distanzierte Bordkultur auf U 96 wider, zu der auch das bereits geschilderte öffentliche Hören von verbotenen „Feindsendern“ gehört.

In der Weite des Nordatlantiks befeuert der Kriegsmaler Buchheim und intime Kenner der Münchener Kunstszene dieses und weitere Gespräche, über die Friedrich Grade in seinem Tagebuch zur 7. Feindfahrt berichtet.

Über den „Badegast“ und späteren Autoren des Bestsellers „Das Boot“, Lothar-Günther Buchheim, sagt Friedrich Grade exakt 75 Jahr später im Interview: „Buchheim nahm niemals ein Blatt vor den Mund. Er äußerte sich öfter abfällig über Partei und Führung. Der war ganz offen, dafür hätte man ihn vors Kriegsgericht stellen können.“

Ein Jahr nach der Fahrt, in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ von 1942, wird Lothar-Günther Buchheim seine Eindrücke der Reise an Bord von U 96 nach München tragen. Insgesamt neun Porträts aus dem U-Boot-Krieg stellt er aus. Eines zeigt den „Alten“ von U 96, Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock.

U 96 und München deuten eine Ambivalenz des Kriegsberichterstatters Lothar-Günther Buchheim an: Einerseits ist er systemkritisch, andererseits eine Propagandastimme des Systems.