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NWZonline.de Ratgeber Wissenschaft Umwelt

Gejagten Jägern ganz nah

15.10.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-10-17T18:27:59Z 280 158

Menschen:
Gejagten Jägern ganz nah

Bremen Man könnte fast annehmen, der Mensch hat ihnen den Krieg erklärt: Jeden Tag sterben Schätzungen zufolge bis zu 550 000 Haie. Sie werden verarbeitet zu Haifischflossensuppe, Pulver gegen Impotenz oder landen als Beifang in Fischernetzen.

Besonders qualvoll: das Finning. Dabei wird den oft noch lebenden Haien die Flosse abgeschnitten, den Rumpf werfen die Fischer als überflüssigen Ballast über Bord ins Wasser, wo die Tiere qualvoll verbluten und ersticken.

Hilfe vom Dorfvorsteher

Einer, der sich für den Schutz der Haie einsetzt, ist Tom Vierus, frischgebackener Master of Science, Naturliebhaber, Hobbyfotograf und Weltenbummler. „Haie faszinieren mich. Sie sind perfekt angepasste Räuber, strotzen vor Muskelkraft und sind dennoch sehr elegante Tiere“, erklärt der Biologe. Für seine Masterarbeit am Bremer Leibniz-Zentrum für marine Tropenökologie (ZMT) hat der 27-Jährige von September 2015 bis April dieses Jahres dort gearbeitet, wo andere ihren Traumurlaub verbringen: auf Viti Levu, der Hauptinsel Fidschis im Südpazifik.

Als Vierus seinen Trip antritt, weiß er noch gar nicht, ob er am Ende ausreichend Daten für seine Masterarbeit sammeln wird. Sein Forschungsthema steht zwar grob fest – es geht um Flüsse als Kinderstuben für Haie, denn die meisten Haiweibchen bringen ihre Jungen im geschützten Flachwasser zur Welt, für größere Haie eine nur schwer zugängliche Region und somit ein sicherer Hafen für den Hainachwuchs – aber wo er genau auf der Insel seine Feldarbeit erledigen wird, muss er vor Ort klären.

„Anfangs war es ein großes Durcheinander“, bestätigt er. Doch Vierus, der als Austauschschüler schon zwei Jahre in Südafrika und als Student ein Jahr in Ägypten gelebt hat, der Länder wie Peru, Mosambik, Madagaskar und Australien bereist hat, lässt sich vom Chaos nicht entmutigen.

Unzählige Gespräche sind notwendig, die ihren Höhepunkt in einer Art Zeremonie bei einem Dorfvorsteher finden. Ihm trägt Vierus noch einmal vor, was er vorhat, warum es wichtig ist und was er braucht: ein Boot und Fischer, die er aber auch für ihre Arbeit bezahlt. Am Ende bekommt Tom Vierus nicht nur grünes Licht, sondern auch noch eine Einladung, im Hause des Dorfvorstehers zu leben – ein wunderbares Angebot: „Ich war Teil der Familie, eine sehr intensive Zeit.“ Im 400-Einwohner-Dorf ist er ein gerngesehener Gast.

Zwei Monate nach seiner Ankunft fällt der Startschuss für die Feldarbeit: Mit Kiemennetzen, selbstgebastelter Langleine und dem restlichen Equipment, seiner Fotoausrüstung sowie drei Fischern, die das Gebiet besser kennen als sein GPS, fährt Vierus Nacht für Nacht mit dem Boot in das mangrovenumsäumte Delta des Ba-Flusses, um junge Haie zu fangen: „Während mir der Fahrtwind durchs Gesicht blies und der Himmel eine ganze Palette an Farben aufbrachte, dachte ich nicht nur einmal, wie toll mein Projekt auf den Fidschi-Inseln ist, und dass ich meine Arbeit mit keiner anderen tauschen wollte“, erzählt er.

Aber es gibt auch andere Momente, in denen er am liebsten aufgegeben hätte: Beispielsweise als der Zyklon „Winston“ im Februar dieses Jahres über die Fidschi-Inseln hinwegfegt. Viele Häuser in seinem Dorf sind zerstört, er hilft, wo er kann. Wochenlang versperrt ihm Treibholz den Zugang zum Untersuchungsgebiet.

Messen und wiegen

Doch Vierus harrt aus und seine Mühen werden belohnt: Er fängt über 110 junge Haie, darunter zwei vom Aussterben bedrohte Hammerhai-Arten sowie die gefährdeten Schwarzspitzenhaie. Er bestimmt das Geschlecht, misst ihre Länge und dokumentiert den Zustand der Nabelschnurnarbe.

Am Ende entnimmt er jedem Hai aus den Seitenflossen eine winzige Gewebeprobe, um das Erbgut zu bestimmen. Nur so lässt sich die Art wissenschaftlich genau benennen. Bevor der Biologe die Tiere wieder ins Wasser lässt, versieht er sie noch mit einem Sender, um jedes wiedergefangene Tier zweifelsfrei identifizieren zu können.

Während dieser Zeit sammelt er nicht nur jede Menge Daten, sondern er fotografiert auch unermüdlich. Für das Ergebnis, eine brillante Bilderserie, hat Vierus kürzlich den Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie in der Kategorie „Reportage“ gewonnen. Der Preis wird jährlich von der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ ausgeschrieben.

Seine und weitere Fotos finde Sie hier

Inzwischen musste der Weltenbummler das tropische Südseeflair gegen norddeutsches Herbstwetter tauschen. Doch die nächste Fidschi-Reise nimmt schon Formen an: Schließlich will der junge Wissenschaftler noch promovieren.

Vierus hofft, dass seine Ergebnisse dazu beitragen, das Küstengebiet unter Schutz zu stellen – die Zeit wird knapp, eine australische Firma plant bereits, im Ba-Fluss das für die Halbleiterelektronik interessante Mineral Magnetit abzubauen.

Seine Freizeit auf Fidschi nutzte Tom Vierus übrigens, um – wie sollte es anders sein – mit den imposanten Bullenhaien zu tauchen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Haie lebten schon vor 450 Millionen Jahren und sind wesentlich älter als Dinosaurier. Mit 20 Zentimetern ist der Zwerg-Tiefseedornhai der kleinste Haivertreter. Er wiegt etwa 15 Gramm. Der Walhai ist der größte aller Fische. Er wird bis zu 14 Meter lang, wiegt bis zu 12 000 Kilo und ernährt sich von Plankton.

Die Arbeiten der diesjährigen Gewinner des Deutschen Preises für Wissenschaftsfotografie sind vom 19. November bis Mitte Januar 2017 im Haus der Wissenschaft (Sandstraße 4–5) in Bremen zu sehen. Preisträger neben Tom Vierus in der Kategorie Reportage sind Volker Steger in der Kategorie Einzelbild (Visualisierung von Diagnosetechnik) und Anita Reinsch in der Kategorie Mikro-/Makrofotografie (Aufnahmen mit einem Rasterelektronenmikroskop von Blüten und Pollen). Geöffnet: montags bis freitags 10–19 Uhr, sonnabends 10–14 Uhr.