WILHELMSHAVEN - „Die Wunde ist gut überwallt. Hier hat sich schon ein richtiger Muskelstrang gebildet“, sagt Erich Koch und streicht mit der Hand über die schrundige Rinde einer gut 100 Jahre alten Kastanie, deren Seitenarm vor einigen Jahren abgebrochen ist. Seit 28 Jahren ist der 62-Jährige Baumpfleger bei der Stadt. Er kennt „seine Bäume“ wie ein guter Landarzt seine Patienten. Daher auch sein Spitzname „Baumdoktor“.
Die Baumpflegekolonne besteht aus vier Mitarbeitern, die das ganze Jahr über dafür sorgen, dass die Bäume fachgerecht kontrolliert, beschnitten und verseilt werden. „Wir könnten auch drei Kolonnen beschäftigen“, sagt Klaus Timmermann, zuständig für Planung und Unterhaltung des städtischen Grüns. „Wir haben einen großen alten Baumbestand. Nicht umsonst heißt Wilhelmshaven die ,grüne Stadt am Meer’“.
Heute sind Erich Koch und seine 31 Jahre junger Kollege Sven Trillhase mit ihrem „Silberpfeil“ im Friedrich-Wilhelm-Park unterwegs. Der „Silberpfeil“ ist ein Kleinlaster (3,5 Tonnen) mit Hebebühne beziehungsweise -arbeitskorb. Ein Knopfdruck, ein sanfter Ruck und butterweich steigt der Arbeitskorb mitsamt Erich Koch und seiner Motorsäge darin in die Höhe. Noch ein Stück vor, dann noch etwas höher und das Ziel in etwa 12 Metern Höhe ist erreicht. Ein toter Ast in der Krone einer alten Eiche an der Ebertstraße.
Was von unten wie ein dürres Ästchen aussah, entpuppt sich hier oben als beindicker Ast. Koch schmeißt seine Motorsäge an und sägt den Ast stückchenweise ab. Krachend fallen die Holzstücke zu Boden. „Das ist Kronenpflege“ erklärt er. Im Inneren der Krone bilde sich oft Totholz. Das müsse entfernt werden. „Wenn so ein Ast einen Passanten oder ein Auto trifft, muss die Stadt für den Schaden haften“, ergänzt Timmermann.
In der alten Kastanie nebenan sind in großer Höhe dicke Drahtseile gespannt. „Damit vermeiden wir das Auseinanderbrechen der Bäume“, erklärt Koch. Welche Bäume gefährdet sind, erkennt er an den „Zwieseln“. „Es gibt Zug- und Druckzwiesel.“ Er zeigt auf Astgabeln, die entweder u- oder v-förmig zusammengewachsen sind. „Gefährlich wird‘s, wenn die Bäume Ohren kriegen“, sagt er und streicht über dicke Beulen unterhalb der „Nahtstelle“.
„Ohne die Halteseile würden die Bäume an diesen Stellen auseinanderbrechen und früher oder später ganz absterben. Verseilen ist kostengünstiger als neu pflanzen, wenn man bedenkt dass diese Bäume mehr als 100 Jahre alt sind“, sagt er.
Zurück auf der Erde klopft Koch mit einem Gummihammer gegen eine weitere Kastanie. „Die klingt hohl“, sagt er. Die Pilze an der Rinde sind der sichtbare Beweis, dass der Baum krank ist. „Pilze entstehen durch mechanische Verletzungen, auch an der Wurzel. Sie fressen das Lignin auf, das für die Standfestigkeit des Baumes zuständig ist“, sagt Timmermann.
Derweil sticht Koch mit einer alten Fahrradspeiche in den Baum, der so morsch ist, dass er kaum Widerstand bietet. Wieder ein Kandidat für die Gefahrenbaumliste. Gemeinsam mit Hilke Gnadt von der Unteren Naturschutzbehörde müssen Timmermann und Koch demnächst entscheiden, was mit dem Baum geschehen soll.
„Wir haben als Stadt, wie übrigens auch jeder private Baum-Eigentümer, eine Verkehrssicherungspflicht. Für durch kranke Bäume verursachte Schäden müssen wir gegebenenfalls aufkommen.“ Auch deshalb ist die Arbeit des Baumdoktors und seiner Kollegen sehr verantwortungsvoll. Und sie dient selbstverständlich dem Naturschutz.
