Varel - Immer wenn Michael Lindner das Hauptgebäude des Vareler Waisenhauses betritt, befällt ihn ein großes Unbehagen. Vor allem beim Anblick des großen Eingangstors bekommt der 64-Jährige, der heute in einem kleinen Ort bei Hannover wohnt, Beklemmungen.
„Ich war oft in Gedanken hier“, sagte Lindner am Freitag beim Ehemaligentreffen und berichtete: „Neben dem Tor, dort, wo heute der Feuerlöscher steht, stand ein Pult, auf dem ein Buch lag – das sogenannte Schlägebuch. Nachdem wir unser Schulbrot erhalten hatten mussten wir uns beim Hausvater verabschieden und bekamen von ihm mitgeteilt, wie viele Schläge man bekommt, wenn man aus der Schule zurück kommt.“
1957 kam Lindner nach Varel. Wann er das Waisenhaus verlassen hat, weiß er nicht mehr. Die Erinnerung ist verblasst. Mehr noch: Unterlagen darüber, wann er gegangen ist, sind nicht mehr aufzufinden. „Trotz intensiver Recherche“ sagt er.
Unvergesslich ist ihm dagegen die Tatsache, dass er als Zehnjähriger draußen hart arbeiten musste. „Ich war mit sieben weiteren Jungs auf einem Fahrrinnenbagger in Dangast eingeteilt. Der kenterte bei einem Sturm, und wir mussten aus dem Wasser gezogen werden“, erzählt Lindner. Danach musste er nicht wieder raus: „Ich wurde in der Gärtnerei eingeteilt, dann fing das gute Leben an.“
Michael Lindner hat am Freitag jedoch seinen ganz persönlichen Frieden mit dem ungeliebten Ort geschlossen. Während der Festreden erreichte ihn ein Anruf. „Ich bin Opa geworden“, sagte Lindener mit freudigem Gesicht: „Jetzt hege ich doch noch versöhnliche Erinnerungen an dieses Gebäude.“
