Varel - Zehn Jahre alt war Marita Wins, als sie am 2. September 1957, einem nasskalten Montagmorgen, in ihrer lindgrünen Caprihose zur Mädchenschule am Schlossplatz in Varel ging. Als sie mit ihren Mitschülerinnen die Schlosskirche zum Gottesdienst betreten wollte, hielt Schulrektorin Helene Eyting sie zurück: „Keine Hosen in der Kirche.“ Sie solle sich vernünftig kleiden und im Rock erscheinen. Die kleine Marita wurde nach Hause geschickt, wo sie schluchzend ihren Eltern von dem Verbot erzählte.
„Mein Vater verstand die Welt nicht mehr“, erinnert sich Marita Wins, „seine Tochter war doch wohlgekleidet zum Unterricht erschienen“. Nicht in diesen Arbeiterhosen, wie damals Jeans genannt wurden. Ihr Vater Werner Wonneberger, damals Redakteur bei der Wilhelmshavener Rundschau und später lange Jahre bei der Nordwest-Zeitung in Cloppenburg, ließ diese Schmach nicht auf sich und seiner Tochter sitzen.
Filmteam im Wohnzimmer
Er setzte eine Lawine in Gang und löste ein gewaltiges Medienecho aus: Stern, Spiegel und Frauenzeitschriften berichteten über den „Vareler Hosenkrieg“, wie er mittlerweile genannt wurde. Ein Fernsehteam kam nach Varel, filmte Marita beim Gang zur Schule und im heimischen Wohnzimmer.
Lange noch nach Maritas Kirchgang-Verbot war der Hosenkrieg Gesprächsthema: 1991 war Marita Wins zu Gast bei Thomas Gottschalk in seiner Show „Gottschalk“ und berichtete darüber – und das in einer schicken Hose in Leopardenoptik.
Stadtrat hält sich raus
Aus der Schule kamen nach dem Hosenverbot immer neue Vorfälle zutage. Ein Mädchen war nach Hause geschickt worden, weil es eine rote Samthose trug, und vor einem Schulausflug verkündete die Schulleiterin Achtklässlerinnen, dass sie jedes Mädchen auf dem Schlossplatz stehen lasse, das als Reisekleidung eine lange Hose trage. Auch der Vareler Stadtrat befasste sich mit dem Fall, hat sich aber nicht zuständig gefühlt: „Wir halten uns da heraus“, wird Stadtdirektor Franz Lübben 1957 zitiert.
Auch das niedersächsische Kultusministerium, das Werner Wonneberger angeschrieben hatte, wollte nicht über die Hosenfrage entscheiden. Ob in einer Kleinstadt lange Hosen zumutbar seien, könne man von dort aus nicht beurteilen. Monate später, nachdem Marita mit ihrer Caprihose nicht in die Kirche durfte, griff die Schulaufsichtsbehörde in den Streit ein und entschied, dass die Bekleidung der Schulkinder Sache der Eltern sei.
Ereignis prägt
Trotz aller Widerstände der Rektorin schaffte Marita die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Jahre später kam sie übrigens wieder an ihre alte Schule am Schlossplatz in Varel zurück: als Schulsekretärin. Und sie trug Hosen oder Röcke wie es ihr gefiel. Der Hosenkrieg hat sie geprägt: „Ich habe dadurch gelernt, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen.“
