Seghorn/Bockhornerfeld - Die alte Blechdose seiner Großmutter Anna Brunken war Jan Meyer immer ein Geheimnis. Keiner wusste, was darin war. Sie hütete sie wie einen Schatz und bei jedem Gewitter hielt sie die Blechdose fest umklammert. Erst 30 Jahre nach ihrem Tod fand Jan Meyer die Dose auf dem Dachboden seines Hauses in Bockhornerfeld und sollte erfahren, was sich in der alten Dose befand: ein Feldpostbrief vom August 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges.
Geschrieben hatte den vierseitigen Brief Unteroffizier Berger, der Kamerad ihres Mannes Bernhard Brunken. Er teilte ihr mit, dass ihr Mann bei einem Angriff der Engländer auf dem Schlachtfeld in der Picardie in Nordfrankreich gefallen ist. „Ein mörderisches Artilleriefeuer stampfte das ganze Gelände nieder“, berichtete er. Bernhard Brunken habe am Nachmittag gemeinsam mit drei Kameraden Deckung gesucht – vergebens. „Ihr werter Mann ist an dem Tage ein Opfer fürs Vaterland geworden“, schrieb der Unteroffizier. Er habe dem schwer Verwundeten nicht mehr helfen und ihn auch nicht vom Schlachtfeld bergen können. „Wir mussten das Gelände den Tommies überlassen“, schrieb er. Er könne jetzt nur noch eins für ihn tun, ihr seine letzten Worte ausrichten: „Sag meiner Frau, dass ich sie sehr lieb gehabt habe.“
Dieser Brief vernichtete den Lebenstraum der damals 30-jährigen Anna Brunken. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem ältesten von vier Brüdern, hatte sie seinen Bauernhof in Seghorn bewirtschaftet. Nach seinem Tod musste sie mit der gemeinsamen Tochter Klara, die damals vier Jahre alt war, den Hof verlassen.
Die junge Witwe kam zunächst bei ihren Eltern in Grünenkamp unter, fand aber schon bald eine Stelle, um sich und ihre Tochter selber ernähren zu können. Sie arbeitete als Hauswartin und Handarbeitslehrerin an der Grundschule Grünenkamp. 20 Jahre lang wohnte sie in der kleinen Schule, bis der Zweite Weltkrieg ihren Einsatz forderte. Als ihr Schwiegersohn Anton Meyer eingezogen wurde, zog sie zu Tochter Klara und den drei Enkeln nach Bockhornerfeld, um auf dem Bauernhof zu helfen.
„Die beiden Kriege haben sie unerschrocken werden lassen“, erinnern sich ihre Enkel an die Großmutter. „Wenn der Ortsgruppenleiter auf den Hof kam und anordnete, dass unser Mädchen Eva aus Polen und Jan, der Franzose, nicht mit uns am Tisch sitzen dürfen, bekam er von unserer Oma die passende Antwort“, erinnert sich Jan Meyer: „De arbeit för us, de eet mit us und dormit basta.“ Niemand wagte, der resoluten Frau zu widersprechen.
Bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 lebte Anna Brunken auf dem Bauernhof an der Dorfstraße in Bockhornerfeld. Geheiratet hat sie nie wieder.
