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NWZonline.de Region Vechta

Auf dem Weg zu sich selbst

11.05.2019

Damme Am Anfang des neuen Pilgerwegs steht Jos Houben. Er begrüßt die Pilger im ehemaligen Kloster Damme, heute ein Hotel. Houben ist Salvatorianer, einer von knapp 60 Priestern, die dieser katholischen Ordensgemeinschaft in Deutschland angehören. 42 Jahre lang war er im Erzbistum Köln als Priester und Sozialpädagoge tätig, zuletzt zuständig für 16 Gemeinden. Seit Ende 2018 ist er Rentner, „von hundert auf null“, eine echte Zäsur. Und nun?

Spontane Idee

Seit Anfang Mai begleitet Houben Pilgergruppen auf dem neuen Kardinalsweg. Eine Aufgabe, zu der er kam „wie die Jungfrau zum Kind“. Kaum hatte es ihn in den Landkreis Vechta verschlagen, erfuhr er von dem neuen Pilgerweg. Anfangs wunderte er sich: Warum bieten die Erholungsgebiete Dammer Berge und Nordkreis Vechta einen Wanderweg an und erklären ihn zum Pilgerweg? Inzwischen denkt er: Dass Leute durch Naturerlebnisse die Möglichkeit bekommen, den Weg zu sich selbst zu finden, in einer Zeit der Globalisierung, der Digitalisierung, des Konsums – das ist „eine tolle Kombination“.

2013, am Samstag vor Pfingsten, ist Bernd Stolle diesen Weg spontan abgelaufen. Es war ein sehr warmer Tag, erinnert sich der Geschäftsführer der Tourist-Information Erholungsgebiet Dammer Berge. Am Abend waren die Füße wund. Und eine Idee geboren.

Stolle war froh, dass er Jos Houben über das katholische Bildungswerk Dammer Berge als Pilgerbegleiter gewinnen konnte. Denn der 71-Jährige bringt nicht nur das geistliche Rüstzeug mit, sondern ist auch gut zu Fuß, dank vieler Touren mit Pfadfindern und regelmäßiger Kurz-Wallfahrten in seiner Gemeinde. Selbstverständlich hat er sich auch schon auf dem Jakobsweg seine Blasen geholt.

Houben weiß: „Pilgern tut gut.“ Er weiß aber auch: „Pilgern ist anstrengend. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch, seelisch. Es kann einen völlig aus dem Lot hauen, besonders dann, wenn in einem etwas losgerüttelt wird. Und das kommt genau dann, wenn meine Knochen nicht mehr so richtig wollen. Dann kann es bei Kilometer 15 oder 20 schon mal heftig werden.“

Houben hat den Kardinalsweg getestet, forschen Schrittes in gut sechs Stunden. „Die Region Dammer Berge ist wunderschön. Es gibt aber auch Abschnitte, das sind wirkliche Durststrecken.“ Asphaltiert und immer geradeaus. Insgesamt 24 Kilometer, das ist „sportlich“.

Aber eines ist es eben genau nicht: eine Sportveranstaltung. „Es ist ein Weg in sich selbst hinein. Wir versuchen, die Leute aus dem Alltag herauszunehmen. Damit sie sich wieder selbst in den Blick nehmen. Und wieder Freund von sich selbst werden. Und der Begleiter kann dabei helfen.“

Fünf Stelen

Natürlich geht es auf diesem Weg auch und immer wieder um „die Biografie eines Kirchenmannes, der den Mund aufgemacht hat in der NS-Zeit, der seinen Mann gestanden hat“: Clemens August Kardinal von Galen (1878–1946). Längs der Strecke rufen fünf Stelen Tugenden in Erinnerung, die dem Kardinal zugeschrieben werden.

Die erste beim Kloster Damme trägt die Inschrift „mutig sein“. „Wenn man sich mit seinen Predigten beschäftigt, besonders, wenn es um die Euthanasie ging, das war schon mutig“, sagt Houben. „Er wird nicht umsonst Löwe von Münster genannt.“

Von 1933 bis 1946 war von Galen Bischof von Münster. Neun Tage war er im Amt, als er das erste Mal mit den Nationalsozialisten aneinandergeriet. Der Stadtschulrat wollte Teile des Alten Testaments aus dem Religionsunterricht verbannen, ein Ansinnen, das sofort den Widerspruch von Galens hervorrief.

In seinem ersten Osterhirtenbrief vom 26. März 1934 beklagte von Galen dann deutlich das „Neuheidentum“ und „eine brutale Gewalt, die jedes Recht mit Füßen tritt“. Spätestens 1941 nahm man auch international von ihm Notiz, als er gegen die Vertreibung von Ordensleuten aus Klöstern und gegen die Euthanasiemorde predigte. Vermutlich schützten ihn nur seine Beliebtheit in der Bevölkerung und sein Ansehen im In- und Ausland vor Sanktionen. Dass zugleich andere Geistliche „in KZs verschwunden und zu Tode gekommen sind, war für ihn sehr schmerzhaft“, sagt Houben. Dass er zur Judenverfolgung schwieg, trug ihm später Vorwürfe ein, auch noch vor seiner Seligsprechung durch den Papst 2005.

Das Fundament

Die Historiker mögen über die Rolle des Kardinals in der NS-Zeit streiten, für Ulrike
Soegtrop ist klar: „Er war ein unbequemer Mensch. Und diese Dickköpfigkeit – das war genau richtig.“ Schwester Ulrike, wie sie meist nur genannt wird, ist eine von 22 Benediktinerinnen auf Burg Dinklage. Sie empfängt die Pilger bei der fünften und letzten Stele in unmittelbarer Nähe zur Burg. Sie trägt den Titel „einfach sein“. Dort wurde von Galen am 16. März 1878 als elftes von 13 Kindern geboren, „hier hatte er sein Fundament, hier hat er ein sehr einfaches Leben gelebt.“

Den Weg zur Burg säumen zwei Linden. Sie wurden gepflanzt zu seiner Erstkommunion. Nur einen Monat später verließ von Galen die Burg, ganze zwölf Jahre alt, und wurde Schüler der Jesuiten im österreichischen Feldkirch. Seine weiteren Stationen: Innsbruck, Münster, Berlin und wieder Münster. Auch als Bischof kehrte er immer wieder nach Dinklage zurück. Womit Schwester Ulrike bei ihrer Kernfrage wäre: „Wo habe ich meine Wurzeln, wo bin ich so verankert, dass ich standfest auch dann bin, wenn es darauf ankommt?“ Von Galen jedenfalls hatte seine Wurzeln in Dinklage, sagt Schwester Ulrike, er selbst sprach von „einer paradiesähnlichen Heimat“.

Im Backhaus der Burg können sich Besucher eingehender mit der Vita des Kardinals beschäftigen. In der Burgmühle gleich daneben wird der Bogen zur Gegenwart geschlagen. Dort lautet die zen­trale Frage: „Was braucht heute Mut?“

Mit angemeldeten Gruppen geht Schwester Ulrike in die Burgkapelle. „Dies ist der Raum, wo man dem Kardinal am nächsten ist.“ Dort feierte er seine erste Heilige Messe, dort sind seine Angehörigen bestattet. Ein Lied, ein Gebet, das Vaterunser, der Schlusssegen, damit endet die Pilgertour. Jedenfalls der offizielle Part. Wenn dann allerdings noch das Klostercafé geöffnet hat, führt kaum ein Weg an der leckeren Klostertorte vorbei.

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