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NWZonline.de Region Vechta

Interview: „Rassismus darf kein Trend-Thema sein“

27.06.2020
Frage: Der schwarze Kult-Landwirt Keno Veith hat in einem Interview erzählt, auf dem Land würde es keinen Rassismus geben. Können Sie das unterschrieben?
Araththy Logeswaran: Nein, das würde ich nicht unterschreiben. Es gibt keine rassismusfreien Zonen.
Frage:
Frage: Wo überall gibt es Rassismus?
Logeswaran: Rassismus kann sich ausdrücken im Smalltalk, in rassistischen Bildern oder Texten. Der Klassiker ist wohl das Bewerbungsgespräch, also der Zugang zum Arbeitsmarkt. Da wird Rassismus verschleiert, weil die Entscheidung nicht transparent ist. Da wird jemand, der einen als nicht-deutsch aufgefassten Namen hat, nicht eingeladen. Oder jemandem, der einen Akzent hat, wird am Telefon gesagt, dass die Wohnung schon weg ist, obwohl sie noch frei ist.
Frage:
Frage: Haben Sie persönlich Rassismus erlebt?
Logeswaran: Das Thema habe ich selbst lange umgangen. Denn ich war der Meinung, dass ich hier aufgewachsen bin, dass Rassismus in Deutschland kein Thema ist, wenn dann eher im Rechtsextremismus-Bereich. Ich bin Teil dieser Gesellschaft. Rassistische Erfahrungen habe ich dann als Einzelfall abgetan. Weil ich es gelernt habe, so damit umzugehen. Weil es in Deutschland häufig so ist, dass es als Einzelfall abgetan wird. Aber als ich mich fachlich und auch intensiver damit auseinandergesetzt habe, habe ich verstanden, was Rassismus ist, wo er anfängt und wie weit seine Auswirkungen gehen. Das war auch in meinem Werdegang sehr wichtig, um mich intensiver damit auseinanderzusetzen und Leute darauf hinzuweisen.
Frage: Was waren Ihre Erfahrungen?
Logeswaran: Rassismus kann subtil sein, wie bei der Frage „Woher kommst du?“, bei der sich viele Menschen vor den Kopf gestoßen fühlen. Die Frage wird vermeintlich nur aus reinem Interesse gestellt. In diesem Moment wird angedeutet, dass ich aufgrund äußerlicher Merkmale eine andere Zugehörigkeit haben muss, obwohl ich hier aufgewachsen bin. Und bei dieser Frage merke ich, dass ich doch anders kategorisiert werde. Natürlich gibt es auch gravierendere Fälle. Einmal musste ich in einer Bäckerei erleben, dass mich eine Frau nicht bedienen wollte. Und da fand ich es wichtig und selbstverständlich, dass sich eine weiße Person umdrehte und die Verkäuferin immer wieder darauf hingewiesen hat, dass ich jetzt an der Reihe wäre. Und das hat er ziemlich laut gesagt, er hat die Öffentlichkeit mit einbezogen. Das war der Verkäuferin ziemlich unangenehm, und ich habe mich abgewandt, der weißen Person gedankt und bin rausgegangen.
Frage:
Frage: Warum wird Rassismus in Deutschland als Einzelfall deklariert?
Logeswaran: Wir leben in einer Demokratie, und Rassismus passt nicht in dieses System. Das wäre demokratiefeindlich. Aber das heißt nicht, dass es hier keinen Rassismus gibt. Rassismus hat immer eine Geschichte. Er hat sich gewandelt, hat sich auch in der Sichtbarkeit verändert und trotzdem Eingang in unsere Sprache, unser Handeln und unsere Sichtweisen gefunden. Wir haben ja auch noch die dunkle Vergangenheit, über die trotzdem gesprochen werden muss – den Nationalsozialismus. Die Leute denken: Es ist 2020, und wir haben mit dieser Vergangenheit abgeschlossen. Das war fatal und rassistisch, aber jetzt sei alles gut. Aber so ist es nicht. Rassismus wirkt in Strukturen. Deswegen ist es wichtig, jede Handlung und Äußerung rassismuskritisch zu hinterfragen und uns zu fragen, ob unsere Gesellschaft rassistisch ist? Und wenn sie rassistisch ist, müssen wir dagegen vorgehen.
Frage:
Frage: Und ist die Gesellschaft rassistisch?
Logeswaran: Ja, weil wir Strukturen und Institutionen haben, die rassistisch sind. Wir haben Straßennamen, die rassistisch sind, und Bilder, die rassistisch sind. Wir haben Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Wir haben es gelernt, rassistisch zu denken und Rassismus in seiner Existenz zu verkennen.
Frage: In Ihrer Dissertation setzten Sie sich mit den Diskriminierungserfahrungen von Musliminnen auseinander.
Frage:

Zur Person

Araththy Logeswaran ist 28 Jahre alt und stammt aus Bakum. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie hat Soziale Arbeit in Holzminden und Osnabrück studiert. Von 2016 bis 2017 arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Gemeinde Bakum. Seit September 2019 ist die Vechtaerin Doktorandin am Institut für Islamische Theologie. Ihr Forschungsschwerpunkt ist rassismuskritische Soziale Arbeit, Diskriminierungserfahrungen von Musliminnen. Ihre Eltern stammen aus Sri Lanka.

Frage: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Logeswaran: Ich habe festgestellt, dass antimuslimischer Rassismus in Deutschland ein Thema ist. Aber kaum jemand hat sich die Frage gestellt, welche Folgen und welche Bedeutung Diskriminierungserfahrungen auf diese Personengruppe hat. Rassismuserfahrungen löst das Gefühl der Ohnmacht aus. Das wird viel zu wenig behandelt. Sie schränkt den Menschen ein, an einem gleichberechtigten Leben teilzuhaben, indem Ressourcen systematisch vorenthalten werden. Das sieht man auch an der aktuellen Debatte. Da werden Leute befragt: Haben wir ein Rassismus-Problem? Welche Erfahrungen haben wir gemacht? Ah okay, ja schlimm. Aber danach kommt nichts. Und es wird auch nicht die Frage gestellt, wie gehen wir damit um, mit diesen teilweise traumatisierenden Erfahrungen, welche Auswirkungen haben sie?
Frage:
Frage: Gibt es schon erste Ergebnisse Ihrer Befragung?
Logeswaran: Ich bin erst am Anfang der Erhebung und deswegen kann ich keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern. Was mich dennoch überrascht hat, ist, dass die Menschen mit Diskriminierungserfahrung ein Stück weit enttäuscht sind. Man redet sich ja immer ein: In der Situation war ich jetzt allein, aber wenn ich in einer großen Runde wäre, hätte bestimmt jemand etwas dagegen gesagt. Und wenn man dann diese Erfahrung in einer großen Runde oder in der Öffentlichkeit gemacht hat, gab es trotzdem kaum bis gar keine Reaktion. Deswegen finde ich es super stark, was jetzt passiert mit den Protesten: Dass die Menschen auf die Straße gehen, sich organisieren, sich verbünden, sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Und ich hoffe, dass diese Proteste lange anhalten, bis sie tiefgreifende Veränderungen erreicht haben.
Frage:
Frage: Welche Veränderungen würden Sie sich wünschen?
Logeswaran: Erstens muss das Sprechen über Rassismus viel präsenter werden und darf kein Trend-Thema sein. Und zweitens würde ich mir wünschen, dass mehr People of Colour sichtbarer werden in Wissenschaft, in Politik und Bildung – überall. Sie sind da, sie werden aber noch durch rassistische Strukturen nicht sichtbar gemacht. Und ich möchte auch als Veränderung nicht von der Politik oder von Institutionen hören, dass sie mehr Aufklärungsarbeit machen oder mehr Beratungsstellen für die Opfer einrichten. Das ist wichtig für die Betroffenen, dennoch beheben sie nicht das eigentliche Problem. Wir brauchen jetzt primär etwas, dass viel früher ansetzt, bevor der Schaden angerichtet ist.
Frage:
Frage: Was kann ich selbst tun?
Logeswaran: Jede einzelne Person kann etwas beitragen, das ist ja das Schöne daran. Wir müssen nicht darauf hoffen, dass in den oberen Ebenen was passiert. Alle Menschen müssen sich mit dem Thema ehrlich auseinandersetzen. Dafür müssen wir erstens realisieren, dass Rassismus Alltag ist, dass es ihn gibt. Und auch wenn es einen selbst nicht trifft. Rassismus trifft nicht jede Person, aber es betrifft jeden. Deswegen können sich alle Menschen dazu Gedanken machen: Welche Position nehme ich in den rassistischen Strukturen ein? Wie halte ich sie aufrecht? Und was kann ich dagegen tun?
Frage:
Frage: Wie kann das konkret aussehen?
Logeswaran: Ich erlebe rassistische Äußerungen häufig in Privatgesprächen. Und wenn man dann darauf hinweist, kommt die Reaktion: „Nee, das war gar nicht so gemeint“ oder „Du bist zu empfindlich“. Warum fragt die Person nicht mal: „Wie kommst du darauf? Was war daran rassistisch? Wollen wir uns darüber unterhalten?“ Wir müssen wachsam sein und in den Dialog treten. Denn wir sind eine Migrationsgesellschaft und haben alle Menschen in unserem Umfeld, die Rassismuserfahrungen machen. Die können wir mit ins Boot holen. Menschen müssen rassismuskritischer werden und sich immer hinterfragen. Das ist ein ewiger Prozess, der ist nie zu Ende. Aber wir müssen uns alle darauf einlassen.
Mareike Wübben Cloppenburg / Redaktion Münsterland
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