Vechta - Sonja Prues steckt mitten in ihrem Studium „Soziale Arbeit“. Sie ist mittlerweile im dritten Semester. Ein Zuckerschlecken ist die Arbeit an der Universität Vechta nicht, die Dozenten erwarten viel, aber es macht ihr unglaublich viel Spaß – trotz der Doppelbelastung. Denn Sonja Prues ist nicht nur Studentin, in erster Linie ist sie alleinerziehende Mutter von drei Kindern und hat einen Haushalt zu versorgen. „Aber es klappt beides“, sagt die 42-Jährige im Gespräch mit der NWZ, „und zwar richtig gut.“
13, 14 und 17 Jahre sind ihre Kinder alt. Dass ihre Mutter wieder studiert, rief bei den Teenagern zuerst keine Begeisterung hervor, sagt die Steinfelderin. „Das ist voll peinlich“, sei nur einer von mehreren Kommentaren ihrer ältesten Tochter gewesen. Mittlerweile hätten sich die Kinder aber an das neue Leben gewöhnt – und Sonja Prues auch.
Die 42-Jährige ist eine von über hundert Studenten an der Universität Vechta, die nach Ausbildung, einiger Zeit im Job, nach der Pflege von Angehörigen oder auch Elternzeit zur Uni gehen. Manche ihrer Kommilitonen haben Abitur, andere kommen über ihre Berufsabschlüsse an einen Studienplatz. Wer mit dem Gedanken spielt, den Schritt (zurück) zur Uni zu gehen, findet in Maria Goldberg, Koordinatorin Offene Hochschule in Vechta, die richtige Ansprechpartnerin. Sie berät Studieninteressierte und organisiert Informations- und Vorbereitungsangebote. Unter dem Motto „Da geht noch was!“ bietet sie regelmäßig Workshops für Studieninteressierte mit Berufs- und Familienerfahrung an. „Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind zwischen 25 und 45 Jahre alt“, erläutert Maria Goldberg, während sie gemeinsam mit Sonja Prues von ihren Erfahrungen berichtet. „90 Prozent von ihnen sind Frauen.“
Antworten
Beim Workshop dreht sich eineinhalb Tage lang wirklich alles ums Studium: Wie läuft die Recherche in der Bibliothek? Wie ist ein Studium aufgebaut? Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es? Wie kann die Vereinbarkeit von Familie und Studium gewährleistet werden? Was bedeutet „Studium ohne Abitur“? Viele Fragen, auf die es Antworten gibt. Darüber hinaus werden konkrete Studienpläne diskutiert und nächste Planungsschritte entwickelt.
Sonja Prues ist bei diesen Seminaren mit dabei und erzählt aus der Praxis. Vor Aufnahme ihres Studiums hatte sie selbst an einem Workshop teilgenommen: „Das hat mir viel gebracht“, sagt sie. Für sie sei es selbstverständlich, ihr Wissen nun weiterzugeben, auch wenn die Lebenssituation der jeweiligen Interessierten nicht immer vergleichbar sei. „Aber es hilft bei der Orientierung“, weiß die 42-Jährige.
„Die größte Herausforderung ist es dann“, erläutert Maria Goldberg weiter, „im ersten Semester einen guten Studieneinstieg zu finden.“ Ein Studium mit 40 Jahren aufzunehmen, das sei einfach etwas völlig anderes als mit 20 zu starten. „Stimmt“, pflichtet ihr Sonja Prues bei. „Allein die Herangehensweise und die Arbeitsweise sind sehr unterschiedlich.“ Aber beide, sowohl die jüngeren als auch die älteren Studenten, könnten voneinander profitieren. Angst, plötzlich in einer Gruppe junger Kommilitonen zu sitzen, dürfe man da nicht haben. „Das ist halt so“, bringt es Sonja Prues auf den Punkt.
Und was ist das wichtigste beim Studium? „Ein gutes Zeitmanagement“, betont die 42-Jährige. Ohne ginge es nicht, vor allem nicht, wenn nebenbei noch eine Familie versorgt sein will. Nachbereitungen von Seminaren müssten sofort erledigt werden, nicht auf den letzten Drücker. „Und eine gute Vernetzung mit anderen Studierenden, eine überlegte Planung und ein klares Ziel sind notwendig“, ergänzt Maria Goldberg. All das helfe, den Weg erfolgreich zu beschreiten.
Unterstützung
Natürlich, so räumt Sonja Prues ein, ist auch der Rückhalt in der Familie wichtig. Unterstützung erfährt man auch in der Universität. Ferienbetreuung für Kinder beispielsweise, wie Maria Goldberg erläutert. „Oder Kompaktseminare, die aufs Studium vorbereiten und Grundlagenwissen vermitteln“, sagt die Koordinatorin.
Sonja Prues hat jetzt noch drei Semester vor sich, dann hat sie den Bachelor in der Tasche. Sie ist froh, den Schritt gegangen zu sein. Im Grunde, habe sie das alles einer Freundin zu verdanken. Diese habe ihr geraten, das Abitur zu nutzen und wieder zurück an die Uni zu gehen. Denn schon als junge Frau war Sonja Prues schon mal dort, studierte Lehramt, bis das erste Kind kam. „Damals gab es noch keine Krippen, keine umfassende Kinderbetreuung, es funktionierte nicht beides“, erinnert sie sich. Heute sei das anders, es ständen einem viele Möglichkeiten offen, man müsste sich nur trauen. Maria Goldberg: „Wir möchten mit unseren Angeboten Brücken bauen und Wege in die Hochschule und damit neue Berufsperspektiven eröffnen.“
