Vechta - Regina Kühnel macht der Job zu schaffen, und privat lief es alles andere als gut für die 51-jährige Bremerin. Vor einigen Tagen hat sie eine Hose zum Wechseln, Regenklamotten, eine Isomatte und ein Zelt eingepackt und ist mit Hündin Melody einfach losgegangen auf dem Jakobsweg in Richtung Süden. Dabei kommt sie auch an St. Marien in Oythe vorbei, eine der vielen Kirchen am Rande der Via Baltica – so heißt der Jakobsweg, der von der Ostsee-Insel Usedom durch den Landkreis Vechta bis nach Osnabrück führt.
So wie Kühnel nutzen immer mehr Menschen das Pilgern gegen den Stress des Alltags, um schlimme Erlebnisse zu verarbeiten oder um mit sich und Gott allein zu sein. Es sind nicht nur Kirchgänger, sondern häufig Menschen auf der Suche nach sich selbst, weiß Marion Kessens, Geschäftsführerin der Tourist- Info Nordkreis Vechta.
Mehr als 100 Pilger hätten 2014 bei der Tourist-Info nach einem Quartier gefragt und sich den begehrten Stempel für ihren Pilgerpass abgeholt. Tendenz steigend. Weitaus höher schätzt Kessens die Zahl der Pilger, die durch Vechta wandern, ohne an der Tourist-Info Halt zu machen.
„Es ist so schön hier“, sagt Regina Kühnel. „Und die Menschen sind sehr hilfsbereit und freundlich.“ Vor ein paar Tagen ging sie mit Melody durch Visbek. „Komm her und setz dich“, riefen ihr da einige Männer im Rentenalter zu, die nach ihrer wöchentlichen Radtour eine Pause in einer Eisdiele machten und ihr ein Eis spendierten.
In Visbek übernachtete Kühnel in einem Gästezimmer in einem Privathaus. „Da hatte ich sogar ein eigenes Bad, fast mehr als man braucht“, berichtet die 51-Jährige. In Vechta hat sie im Museum im Zeughaus geschlafen. Die Pilger übernachten gegen eine Spende in den historischen Gefängniszellen und im Zimmer des Anstaltsarztes. Zum Pilgern gehört es, auf Luxus zu verzichten.
Ihr nächstes Ziel war der Hof Göttke-Krogmann in Lohne. In Damme dagegen ist besonders das Benediktinerkloster beliebt. „Dort und in vielen anderen Pilgerherbergen brauchen Sie auf jeden Fall einen Pilgerausweis“, rät Kessens. Sie würde sich noch mehr preiswerte Quartiere im Landkreis wünschen. Die Ausweisung des baltischen Pilgerwegs, der im Landkreis Vechta zu weiten Teilen identisch ist mit dem alten Handelsweg „Pickerweg“, habe sich gelohnt. Pilger kämen viel herum und könnten ihre positiven Erlebnisse vielen Menschen weiter erzählen.
