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NWZonline.de Region Vechta Gemeinden Vechta

Serie Ehrensache: Geschlagen, gedemütigt – gerettet

06.11.2015

Vechta Christiane Thoben hat es noch genau vor Augen. Ein später Montagabend. Vor ihr steht diese Frau, an der Hand ein kleines Kind; vorne, um den Bauch gebunden, ein Säugling. Eine Frau, die nicht aufhören kann zu weinen. Eine Frau, die Christiane Thobe soeben aus dem Zuhause mit dem gewalttätigen Ehemann abgeholt und ins Frauenhaus Vechta gebracht hat.

Artikel 2.2. des Grundgesetzes

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“

„Bei der Aufnahme ist erstmal alles ganz fürchterlich“, weiß Thoben.

Seit knapp neun Jahren engagiert sich Christiane Thoben ehrenamtlich beim Frauen- und Kinderschutzhaus des SkF Vechta, dem Sozialdienst katholischer Frauen. Wo genau sich das Haus befindet, das soll geheim bleiben, um die rund 50 Frauen, die hier durchschnittlich jedes Jahr Zuflucht suchen, vor den Männern zu schützen.

Christiane Thoben engagiert sich ehrenamtlich für das Frauenhaus Vechta des Sozialdiensts katholischer Frauen Vechta. Einrichtungsleiterin ist Maria Neemann.          Bild: Ziegeler
„Es ist eine Einrichtung für Frauen, die sich zu Hause nicht mehr sicher fühlen“, erklärt Einrichtungsleiterin Maria Neemann. Unter den Frauen sind nicht nur jene, denen körperliche Gewalt in Form von Schlägen widerfahren ist, sondern auch Frauen, die sexuelle, psychologische oder ökonomische Gewalt erlitten haben. Keine von ihnen muss Verletzungen vorweisen, um aufgenommen zu werden. Für fünf Frauen mit Kindern bietet das Haus, das es hier seit 1987 gibt, Platz.

Der Sozialverband Deutschland hat auf Youtube ein Video über den Zufluchtsort Frauenhaus veröffentlicht:

Den Weg zum SkF fand Christiane Thoben damals, als sie und ihr Mann hier eine Pflegetochter vermittelt bekamen. Nachdem sich die junge Familie gut entwickelt hatte, hatte Thoben das Gefühl, „noch etwas tun zu müssen.“ Sie sei in ihrer neuen Rolle als Pflegemutter so gut betreut worden, dass sie sich nun ihrerseits engagieren wollte. „Es ist oft so, dass unsere Ehrenamtlichen sich vorher in einem anderen Bereich des SkF engagiert haben“, erzählt Maria Neemann.

„Das Leben hier hat Übergangscharakter“, erklärt Maria Neemann, „wir versuchen, den Frauen Hilfestellungen zu geben, bis sie sich stabilisieren konnten.“ Die Mitarbeiterinnen klären die Frauen über finanzielle und rechtliche Angelegenheiten auf. „Viele wissen nicht, was ihnen zusteht“, sagt Maria Neemann. Einige Männer drohen beispielsweise mit dem Entzug der gemeinsamen Kinder, sollte die Frau sie verlassen. In der Beratung erfahren die Frauen dann oftmals erst, dass der Mann ihnen die Kinder gar nicht wegnehmen könne.

„Die meisten erzählen nicht, was ihnen passiert ist“, sagt Neemann, „es ist ihnen peinlich.“ Viele denken, es sei ihre eigene Schuld. Denn genau das haben sie auch von ihrem Mann gehört. Du bist selbst dafür verantwortlich, hat der gesagt.

Maria Neemann leitet die Einrichtung des SkF Vechta.               Bild: Ziegeler
Aber selbst dann, wenn die Frauen beim SkF hören, dass dem nicht so ist – „jahrelange Misshandlungen kann man nicht so einfach wegstecken“, weiß Neemann. „Keine Frau geht nach dem ersten Schlag.“ Viele Frauen, die nicht körperlich misshandelt worden sind, sondern psychisch, sind so klein, dass sie es nie gewagt haben auszubrechen. Neemann: „Dann ist es nicht unbedingt der große Schlag, sondern der stete Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Ein Glück, wenn diese Frau dann zufällig von der Einrichtung gehört hat.

„Einer Studie aus dem Jahr 2014 der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zufolge haben 35 Prozent der deutschen Frauen bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. 50 Prozent haben eine Form der psychologischen Gewalt erlebt.“ (Quelle: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/eu-weite-erhebung-gewalt-gegen-frauen-fra-2014.html)

Manche Frauen sind nur ein paar Tage im Frauenhaus. Dann ziehen sie entweder in ein anderes Frauenhaus weiter, weil sie in Vechta nicht sicher sind, oder weil sie ein klärendes Gespräch mit ihrem Partner hatten und ihm noch eine Chance geben wollen. „Es ist nicht so, dass wir die Männer hier verteufeln“, stellt Maria Neeman klar.

Andere Frauen bleiben aber länger, im Schnitt um die 30 Tage. Für sie steht fest: Für mich gibt es kein Zurück mehr. Ich glaube ihm nicht. Ich möchte mein Leben neu gestalten. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses entwickeln sie neue Lebensperspektiven.

Christiane Thoben übernimmt jede Montagnacht die Rufbereitschaft für das Frauenhaus Vechta.      Bild: Ziegeler
Anfangs war Christiane Thoben verunsichert, dachte: „Ich bin diesem Ehrenamt nicht gewachsen.“ Insbesondere die Gefahren ließen sie zurückschrecken, zum Beispiel, wenn sie bei einem Einsatz das Gefühl hat, beobachtet oder verfolgt zu werden. Schließlich rufen die Frauen in Notsituationen an, in der Regel abends oder am Wochenende. Und: „Je aufgeregter die Frau ist, desto ruhiger muss man selbst bleiben“, sagt Maria Neemann.

Aber oft ist auch die Polizei schon vor Ort, wenn die Ehrenamtliche eine Frau abholt und ins Frauenhaus bringt. Ganz langsam sei Thoben damals in ihre neue Aufgabe hineingewachsen, half hier mal mit, ein Zimmer zu renovieren, schnupperte dort mal einen Vormittag lang ins Haus hinein. „Man wird als Ehrenamtliche gut aufgenommen. Es ist ein außergewöhnlich nettes Miteinander, in dem man sich ganz wohl fühlt“, schwärmt die 50-Jährige, die mittlerweile jede Montagnacht die Rufbereitschaft übernimmt.

Unterstützung für Frauen

Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen erhalten im Frauenhaus Unterstützung

• in allen Belangen, sei es rechtlich, psychosozial, medizinisch, finanziell

• bei der Bearbeitung ihrer Gewalterfahrung

• bei der Gestaltung ihrer Lebensperspektive, unabhängig davon, ob sie in ihre bisherige Lebenssituation zurückkehren oder nicht

Manchmal gebe es auch Frauen, die etwas Forderndes haben, erzählt die Ehrenamtliche Christiane Thoben. „Da darf man sich nicht beirren lassen und braucht Gelassenheit.“ Auch komme es vor, dass Frauen das verständnisvolle Zuhören der Ehrenamtlichen missverstehen. „Für uns ist es wichtig, Grenzen zu setzen“, erklärt Einrichtungsleiterin Maria Neemann, „wir machen das beruflich, nicht privat. Daher werden die Frauen bei uns gesiezt, wir sind keine ,Freundinnen’.“

Die Frauen entscheiden selbst, wann sie die Einrichtung wieder verlassen. Falls sie in ihr altes Zuhause zurückkehren wollen, können sie sich vorher mit den Mitarbeiterinnen über Sicherheitsvorkehrungen beraten. Dazu zählt etwa, dass die Frau die Telefonnummern der Polizei und des Frauenhauses auswendig kennt und Absprachen mit Bekannten getroffen hat, bei denen sie gegebenenfalls unterkommen könnte, falls sie doch wieder schnell aus der heimischen Wohnung muss. Zudem bieten die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen Nachberatungen an.

Eine Mitarbeit im Frauenhaus bedeutet auch: aufmerksam und wachsam sein. „Wenn eine Frau gefährdet ist, und wir beobachten schon eine Weile, dass vor dem Haus ein Auto die ganze Zeit hin- und herfährt, informieren wir die Polizei“, sagt Maria Neemann. Die Präsenz der Beamten schüchtere die Männer ein.

Sie sind aufgefallen, was machen Sie hier?, wollen die Beamten von den ungebetenen Gästen wissen.

In der Regel zeigen sich die gewalttätigen Männer weniger in der Öffentlichkeit, benehmen sich anders als in den eigenen vier Wänden.

Meine Frau spinnt, sagen sie.

Oft haben die Männer ein sicheres Auftreten, sind rhetorisch gewandt, sind „der nette Nachbar von nebenan“, der mit den Jungs Fußball spielt.

Die Frauen sagen daher oft: Mir glaubt doch niemand, wenn ich sage, wie er wirklich ist.

Betrunkene Frauen werden nicht aufgenommen. „Alkohol macht so viele Probleme“, sagt Neemann, „die können wir hier nicht bewältigen.“ Wer abhängig ist, muss daher zuerst seine Sucht in den Griff bekommen. Außerdem wohnen die Bewohnerinnen im Frauenhaus auf engem Raum zusammen. Zwar hat jede ihr eigenes Bad; das sei in anderen Frauenhäusern anders, weiß Neemann. Aber Küche und Wohnbereich teilen sie sich.

Einen Einblick über das Leben in einem Frauenhaus gibt dieses Youtube-Video:

Die Möglichkeiten, sich im Frauenhaus zu engagieren, sind vielfältig. „Wir haben zum Beispiel eine pensionierte Lehrerin, die Sprachunterricht gibt“, erzählt Maria Neemann. Oder man könne mal beim Umzug oder bei der Suche nach Einrichtungsgegenständen helfen, Kinder zum Arztbesuch begleiten… Die Konfession spielt keine Rolle.

Ein Kinospot der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW stellt insbesondere die Kinder in den Fokus:

„Es ist spannend und interessant, hier mit ganz anderen Menschen Kontakt zu haben“, sagt Christiane Thoben, „Menschen, die ganz anderes erlebt haben als ich. Ich habe Zeit für sie und bin da.“ Das Abschütteln der Sorgen und Probleme, die sie erzählt bekomme, falle ihr hinterher dennoch leicht. Ein Gefühl bleibe allerdings: Dir selbst geht es ganz schön gut…

Das Frauenhaus Vechta ist rund um die Uhr erreichbar unter der Telefonnummer 04441/83838. Auch eine Aufnahme ist zu jedem Zeitpunkt möglich. Per E-Mail zu erreichen ist die Einrichtung unter frauenhaus@skf-vechta.de. Eine Übersicht der niedersächsischen Frauenhäuser und Beratungsstellen ist auf den Seiten des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung zu finden.

Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nwzmedien.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

Jantje Ziegeler Redakteurin / Online-Redaktion
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