Vechta - Eigentlich hätten sie zufrieden sein können: Herbert Macke und Ulrike Struckmeyer vom Vechtaer Hedwig-Stift. Hatten der Pflegedienstleiter und die Verantwortliche für Qualitätsfragen für ihre insgesamt vier Altenheime doch – wie ganz viele andere Einrichtungen ebenfalls – Traumnoten zwischen „1“ und – wenn’s mal schlecht lief – „1,5“ erhalten. Waren sie aber nicht. „Diese Noten waren nicht aussagekräftig“, sind die beiden zutiefst überzeugt. „Dem 40-jährigen Sohn, der einen Heimplatz für seine Mutter gesucht hat, haben diese Zensuren im Grunde nicht geholfen.“
Bisher war es so: Hatte eine Altenpflegerin das Risiko einer Sturzgefahr anhand einer Checkliste notiert, gab es dafür die Note „1“. Hatte sie jedoch die Checkliste unvollständig oder gar nicht ausgefüllt, gab es bezogen auf diese Frage die Note „fünf“. „Bemessen wurde die Dokumentation und nicht das Ergebnis“, sagt Macke.
Hoher Anspruch
Als eine von 21 Caritas-Pioniereinrichtungen im Oldenburgischen (140 bundesweit) hat sich das Hedwig-Stift daher 2014 auf den Weg zu einer doppelten Qualitätsprüfung gemacht. Das System, nach dem ab Oktober 2019 alle Altenpflegeheime in Deutschland geprüft werden, funktioniert so: Im Frühjahr und Herbst beispielsweise werden alle 253 Bewohner der Vechtaer Hedwig-Stiftung jeweils 15 Minuten lang begutachtet. Macht 3795 Minuten für alle Senioren an den Stiftungs-Standorten in Visbek und Goldenstedt sowie den beiden in Vechta. Die Ergebnisse werden von einem neutralen Institut anonym ausgewertet. Erfasst wird beispielsweise, dass in einer Einrichtung mit 56 Bewohnern 28 sturzgefährdet sind, aber nur zwei im vergangenen Jahr tatsächlich gefallen waren. Macht 7,1 Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegt der Wert bei 6,9 – die Einrichtungen liegen also leicht über dem Bundesdurchschnitt.
Läge der Wert aller Gestürzten bei 15 Prozent, könnte das Heim diesen Schwachpunkt analysieren: „Ist unsere Beleuchtung zu schlecht? Liegt es am Fußbodenbelag? Bekommt der Hochbetagte zu viele Tabletten, oder wurde er von einem Mitbewohner geschubst?“ Vorteil für Herbert Macke: Erfolge genauso wie Schwachstellen können innerhalb der Standorte und Stationen der Stiftung verglichen werden. Ebenso auch mit anderen oldenburgischen Häusern, aber auch mit allen anderen rund 13 000 stationären Einrichtungen aus dem Bundesgebiet. Horst Geers, Projektverantwortlicher beim Landes-Caritasverband: „Es wird die volle Bandbreite bei den Ergebnissen geben.“
So wird geprüft
Für den Pflegeexperten aber weit wichtiger: Wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen künftig einmal jährlich vor Ort prüfe, würden nicht mehr wie bisher zuerst die Häkchen in den Akten inspiziert und dann mit dem Senior gesprochen. Das Gespräch mit Bewohner und Angehörigem stehe an erster Stelle. Dann folge das mit dem Mitarbeiter. „Das müssen unsere Leute erst einmal wieder lernen“, wissen Macke und Struckmeyer. „Sie müssen lernen, weniger zu dokumentieren und die Angst zu verlieren, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie das Häkchen nicht gesetzt haben.“ Der Rat an die Angehörigen: Sie sollen sich die Bewertungen von Heimen gut erklären lassen. So scheinen vermehrte Stürze auf einer Demenzstation auf den ersten Blick als Minus. Die Tatsache, dass sich alle Bewohner dort bei gesicherter Außentür 24 Stunden frei bewegen können, lasse das Minus jedoch in anderem Licht erscheinen.
