hooksiel - Vom Dreschflegel zum Mähdrescher, von der Petroleumlampe zum elektrischen Licht und von der Dorfgemeinde zur Europäischen Gemeinschaft – die umwälzenden Veränderungen, die Tjark Ahrends miterlebt hat, hat der Wangerländer vor zwei Jahrzehnten in seinen „Jugenderinnerungen eines 80-jährigen Landwirts“ unter dem Titel „So weer dat“ beschrieben.
An diesem Mittwoch wird der Wangerländer, der mit seiner Frau Anita auf dem „Altenteil“ in Hooksiel wohnt, 100 Jahre alt. Noch immer schmökert er gerne in heimatkundlicher Literatur.
Am 27. Januar 1921 kam Tjark Ahrends in Südernauens auf einem Bauernhof, den der Großvater zwei Jahre zuvor gekauft hatte, zur Welt. „In der Einsamkeit des Hofes“ gab es außer der Familie und den Bediensteten kaum Bezugspersonen. Anders als bei heutigen Einschulungen, bei denen oft die ganze Verwandtschaft anreist, erlebte der Jubilar 1927 „ohne große Zeremonie“ und ohne Schultüte in Wüppels seinen ersten Schultag.
Auch die Auswirkungen der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beschreibt Ahrends in „So weer dat“. Ab 1933 wurden somit in der Schule „Gebete durch klassische und vaterländische Gedichte abgelöst“. Mit dem Machtantritt gab es aber auch Veränderungen in der Landwirtschaft. Mägde und Knechte hießen nun „Helferinnen“ und „Helfer“. Auch legten die Nazis größeren Wert auf eine schulische landwirtschaftliche Ausbildung, zum Beispiel bei der „Edelmistbereitung“. Die Abwanderung der Arbeitskräfte zum Beispiel nach Wilhelmshaven, wo es auf der Marinewerft besser bezahlte Jobs gab, zwang die Landwirte zur Mechanisierung. Landwirtschaftliche Arbeit war jedoch weiterhin Knochenarbeit, was aus Sicht des Chronisten vor Zivilisationskrankheiten geschützt hat. „Arbeit, Mäßigkeit und Ruh schließen dem Arzt die Türe zu“, so die damalige Überzeugung. Doch ganz ohne Arzt ging es auch nicht. Noch gut kann sich der Wangerländer darin erinnern, wie ihm als Sechsjähriger ohne Betäubung „die Mandeln gekappt“ wurden. Auch gab es keine Zahnpflege im modernen Sinne – dafür aber weniger Süßigkeiten.
Auf dem elterlichen Hof in Südernauens, das damals zur Gemeinde Wüppels gehörte, wurden in den 1920er-Jahren knapp 20 Kühe gemolken. Deren Leistung sei im Vergleich zu heute zwar „nur halb so hoch“ gewesen, „dafür war die Robustheit größer“, ist sich der Landwirt sicher. Auch wurde auf dem Feld das Unkraut statt mit Pestiziden noch mit der Hacke bekämpft.
Die Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg bezeichnet der Friesländer als „kommunikationsarme Zeit“. Umso mehr freute sich die Landbevölkerung, wenn fahrende Händler nicht nur mit ihren Waren, sondern auch mit Neuigkeiten auf die Höfe kamen. Gerne erinnert sich Ahrends auch an das jeversche Schützenfest. Jedoch deutete sich zu der Zeit schon das abrupte Ende der Jugend an. Denn, so der Wangerländer: Manche Pflanze der zarten Liebe, die bei dem Traditionsfest zum anderen Geschlecht aufkeimte, „verdorrte später auf den Schlachtfeldern Europas“. Auch konnte sich der damalige Hitlerjunge noch nicht vorstellen, dass aus den Übungsmärschen durchs Jeverland später in Russland 60- bis 70-Kilometer-Tagesmärsche wurden. Wenn es um die Kriegserlebnisse geht, kommt der Senior nicht mehr aus dem Erzählen heraus. Eine „Ironie des Schicksals“ war für den jungen Soldaten, dass er zu Beginn seiner Dienstzeit in Oldenburg den Pastoren wiedertraf, von dem er 1935 konfirmiert worden war. Pastor (und Hauptmann) Ramsauer diente als Kompaniechef in Kreyenbrück.
Tjark Ahrends wurde Fahrer bei einem Flak-Bataillon, womit er „nicht so viel marschieren“ musste. In Russland hat der junge Soldat nach den Anfangssiegen den Rückzug der deutschen Truppen miterlebt. Am Afrika-Feldzug musste er nicht teilnehmen, weil er von den Stabsärzten für „nicht tropenfähig“ befunden wurde. Stattdessen ging es zunächst in den Heimaturlaub und dann wieder nach Russland. Im letzten Kriegsjahr wurde Ahrends einmal leicht und später schwer verwundet. Im Juli 1945 kehrte er wieder in seine friesländische Heimat zurück. „Ich hatte ein heiles Zuhause, eine Arbeitsstelle und eine gesicherte Zukunft“, blickt der Jubilar dankbar zurück. Denn er weiß: Das sei ein Zustand gewesen, der für viele Menschen in Nachkriegsdeutschland „keinesfalls die Regel war“. Das galt auch für die Flüchtlingsfamilien, die ins Jeverland strömten. Auch auf dem elterlichen Hof wurde es nach der Einquartierung von zwei Familien eng, jede Kammer war belegt.
1948 übernahm er den Hof von Vater Mamme, seit 1950 ist Tjark Ahrends mit der Friesländerin Anita verheiratet. Zum heutigen Geburtstag gratulieren neben Sohn Martin und Tochter Marlies auch zwei Enkel und zwei Urenkel.
Der Jubilar gehört zu den Mitbegründern der Geschichtswerkstatt Wangerland. Ahrends ist er zum Beispiel Mitverfasser der Chronik „St. Joost, Crildumersiel, Hohenstiefersiel, St. Joostergroden“ (2013). Wenn die Kirchengemeinde St. Joost-Wüppels Fragen zu verstorbenen Verwandten oder zur Familiengeschichte bekam, wälzte der Hobbyhistoriker die Kirchenbücher um Ahnenforschung zu betreiben.
In „So weer dat“ nennt Ahrends immer wieder die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte von damals, wobei die heutigen Berufskollegen mit Blick auf Erlöse und Kaufkraft viel schlechter abschneiden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Jubilar schon beim Pressegespräch zum 95.Geburtstag lange nachgedacht hat, ob er heutzutage wieder den Beruf des Landwirts ergreifen würde...
