HOOKSIEL - Dass die Gestaltung von Arbeitsplätzen einen direkten Einfluss auf Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Gesundheit hat, ist mittlerweile unumstritten. Bei der Gestaltung von Klassenräumen gilt ein ähnliches Konzept: Fühlen sich Schüler in ihrem Umfeld wohl, steigt die Lernbereitschaft. Stimmen die Licht- und Farbverhältnisse im Raum, sind insbesondere Kinder, die unter ADHS leiden, ruhiger und weniger abgelenkt. Ist die Akustik gut, senkt das den Lärmpegel und somit auch das Stresslevel, was sich positiv auf die Fehlzeiten bei Schülern und Lehrkräften auswirkt.
Dennoch sind viele Schulen sanierungsbedürftig und die Klassenräume sind mit veralteten Materialien ausgestattet. 'Oft mangelt es am Geld', erzählt Kurt Rotermund, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins für lernfördernde und präventive Schulgestaltung (LuPS). Der Verein LuPS setzt sich dafür ein, Klassenräume mit einer warmen und aufgeräumten Atmosphäre zu schaffen, die lern- und gesundheitsfördernd wirken - die sogenannten Aprendarien.
Nachhaltigkeit
Um der großen Nachfrage gerecht werden zu können, hat sich LuPS eine besondere Daueraktion ausgedacht, um genügend Gelder zu generieren: Rote Container für Altkleiderspenden. Die gesammelte Kleidung wird zu 100 Prozent wiederverwendet, verspricht Rotermund, und die Erlöse gehen in die Finanzierung von neuen Klassenzimmern. Gut erhaltene Kleidung würde auf dem deutschen, holländischen und polnischen Markt als Second-Hand Kleidung verkauft werden, weniger gut erhaltene Stücke würden recycelt und zum Beispiel zu Garnen oder Dämmstoffen weiterverarbeitet werden. An welche Schulen die zweckgebundenen Spendengelder verteilt werden, entscheidet eine Jury, die sich aus dem Landeselternrat, der Landesschulbehörde und der Gewerkschaft Bildung und Erziehung (GEW) zusammensetzt.
Insgesamt sechs Modellklassenräume sind bisher in ganz Deutschland nach dem von Rotermund entwickelten Konzept entstanden. 'Ich habe die Hoffnung, demnächst auch im friesischen und ostfriesischen Raum ein Aprendarium zu bauen', sagt Rotermund. Deshalb werden hier in der Region rund 30 Sammelpunkte für Altkleiderspenden geschaffen. So haben Bürger die Chance, mit ihren Altkleiderspenden für die Neugestaltung und Renovierung ihrer Grundschule zu sorgen, erklärt Rotermund.
Drei rote Container stehen seit dieser Woche auf dem Parkplatz des Edeka-Marktes in Hooksiel. 'Wir finden die Idee gut und unterstützen deshalb das Aufstellen der Container', erzählt Marktleiter Hans-Dieter Harms.
Inklusionsfördernd
Das besondere an den Klassenräumen ist, dass sie durch ihre Gestaltung auch inklusionsfördernd wirken. 'Ein hörgeschädigtes Mädchen mit Cochlea-Implantat kam von der Förderschule und war nach einem Jahr im Aprendarium Klassenbeste', nennt Rotermund ein Beispiel. Das liege daran, dass die gute Akustik ihr das Lernen erleichtert habe. Zudem sei im Sprachunterricht eine gute Akustik, aber auch gute Soundanlagen, von großer Wichtigkeit. 'Oft haben Kinder im Sprachunterricht Probleme, die Endsilben der Wörter zu hören, und das wirkt sich auf den Lernerfolg aus', sagt Rotermund. Die richtige Akustik könne auch die Zahl der Krankmeldungen um bis zu 30 Prozent reduzieren. Die meisten Ausfälle kämen durch Lärmstress. Besonders Lehrer klagten oft über den hohen Lärmpegel in Klassenräumen, was bei Schulen mit Aprendarien viel weniger der Fall sei.
Kleine Details, wie Rollen unter den Stühlen, vermeiden zum Beispiel das gefährliche Kippeln. Stattdessen fördert das leichte herumrollen die Durchblutung und unterstützt so beim Lernen. Auch die ovale Aufstellung der Tische sei von Vorteil, erklärt Rotermund die ungewöhnliche Anordnung: 'Die Schüler blicken sich direkt an. Dadurch tritt der Lehrer in den Hintergrund und kann die gesamte Klasse von der Seite aus besser im Blick haben.' Auch die Deckenbeleuchtung mit True Lights richtet sich nach den Bedürfnissen der Kinder. Die Lichter, die dem Tageslicht nachempfunden sind, wirken beruhigend. 'Wichtig ist es, den Zusammenhang zwischen Emotionen und Lernerfolgen zu sehen', ist Rotermund überzeugt.
350 Altkleidercontainer
Um sein Ziel zu verwirklichen, hat Kurt Rotermund mit seinem Verein LuPS bisher 350 Altkleidercontainer in ganz Norddeutschland aufstellen lassen. Bislang wurden die Modellklassenräume von Wirtschaftverbänden und der Klosterkammer Hannover finanziell unterstützt. Mit den Containern sollen nun zusätzlich mehr Gelder für Aprendarien zur Verfügung stehen.
?Bei Interesse können Grundschulen aus Niedersachsen bei LuPS Anträge stellen. Weitere Informationen zu den Klassenräumen gibt es unter info@lups-ev.com oder per Telefon unter 0170/5537305.
