Schillig/Hooksiel - Der Weg nach Schillig – plötzlich Transitstrecke: Absperrbaken stehen am Wochenende weit vor dem Ortseingang und in Höhe des Campingplatzes. Durchfahrt nur für Anwohner. Parkplätze sind abgeriegelt, rot-weiß gestreiftes Flatterband säumt die Jadestraße und vergrämt mögliche Wildparker. Wer trotzdem weiterfährt, lernt spätestens im Ort die Mitarbeiter des Bauamtes der Gemeinde kennen. Die haben an der Straße Richtung Schillighörn mit ihren Traktor Posten bezogen. Der Auftrag: Tagesgäste freundlich zum Umkehren bewegen.
Es wirkt surreal – wie ein Katastrophenfilm: Das Wangerland hat tatsächlich seine Strände dicht gemacht für Auswärtige. Zumindest an diesem Wochenende. Zu alarmierend sei der Wetterbericht am Freitag gewesen, lässt Bürgermeister Björn Mühlena auf Anfrage wissen. Herrlicher Sonnenschein, kein Regen, dafür eine steife Brise. In Zeiten von Corona gilt das als Hiobsbotschaft. Die Gemeinde fürchtete einen großen Ansturm auf die Strände. „Wir mussten jetzt Fakten schaffen“, sagt Mühlena. Appelle an die Vernunft der Menschen reichten nicht mehr aus, hätten mehrere Beispiel gezeigt. „Ich habe kein Interesse, dass unsere Strände zur großflächigen Corona-Party werden.“
Ausgesprochenes Touristen-Verbot wird scharf kontrolliert
Fakten schafft das Wangerland nicht nur in Schillig, sondern auch in Horumersiel und Hooksiel. Überall das einheitliche Bild: Flatterband und Absperrungen. Keine Parkplätze an den Stränden, keine auswärtigen Spaziergänger in Massen. So die Strategie. Das alles sei mit der Polizei abgesprochen worden, versichert der Bürgermeister. Die flog selbst mit dem Helikopter über die Strände und kontrollierte (siehe Seite 1). Auf der Bäderstraße in Höhe der Rennbahn haben ebenfalls Mitarbeiter des Bauhofs der Gemeinde Posten bezogen. Zumindest am Samstag hält sich der Ansturm in Grenzen. Viele drehen um, andere werden durchgewunken.
Nicht nur Tagesgäste müssen umdrehen, zugleich wird das ausgesprochene Touristen-Verbot an diesem Wochenende verschärft kontrolliert. Fünf Mitarbeiter der Gemeinde sind gemeinsam mit der Polizei in den Ferienorten unterwegs, nehmen Urlauber in Ferienwohnungen und insbesondere Zweitwohnungsbesitzer ins Visier. „Sehr viele Gäste kommen der Aufforderung abzureisen nach, einige lassen es erst auf einen Polizeieinsatz ankommen“, sagt Mühlena. Hinweise für eine Kontrolle sind insbesondere auswärtige Autokennzeichen. Für langjährige Wangerländer ohne FRI-Kennzeichen will die Gemeinde ab heute Bescheinigung ausstellen – auch als Reaktion auf den zunehmenden Spießrutenlauf. „Es darf nicht sein, dass Touristen und Menschen mit auswärtigen Kennzeichen jetzt beschimpft werden“, mahnt der Bürgermeister.
Für die Menschen in Schillig ist die Situation unbegreiflich
Fremde Kennzeichen – die gibt es an diesem Tag auch an der Absperrung in Schillig zu sehen. Hans-Gerd Eilers wohnt direkt gegenüber. Autos bleiben an der Bake vor dem Haus stehen, Fahrer schauen verdutzt, drehen um oder fahren einfach weiter. Einige schießen mit ihren Smartphones Erinnerungsfotos vor der Absperrung. „Das hat schon was von Katastrophentourismus“, sagt der Landwirt. Dass seine Gemeinde einmal Urlauber aussperren würde, hätte er im Leben nicht für möglich gehalten, lebt der Ort doch von den Gästen. Eilers selbst vermietet an Feriengäste. Auf seinem Grundstück neben dem Hof stellen Dauer-Camper ihre Wohnwagen bis zur nächsten Saison unter. Schon seit Wochen steht bei ihm das Telefon nicht still. „Alle wollen natürlich wissen, wie es jetzt weitergeht.“ Und sie machen sich Sorgen, weil die Wohnwagen nicht auf ewig bei Eilers stehen können. „Ich brauche die Weide für meine Rinder.“
