Tettens - Eine unscheinbare Front, vergitterte Fenster: Der Beichtstuhl der Tettenser St.-Martins-Kirche mutet an, wie jeder andere seiner Art. Heute wird der abgetrennte Bereich am Ostende des Kirchenschiffs als Sakristei genutzt. Ungewöhnlich wird es erst bei dem Blick auf die Jahreszahl in der Widmung: 1693. Doch schon Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Gemeinde Wangerland im Zuge der Reformation evangelisch.

Die Beichte wird heute fest der katholischen Kirche zugeschrieben, war aber lange Zeit auch unter Protestanten noch üblich. „So eine Umstellung passiert eben nicht von jetzt auf gleich. Damals wurde viel aus dem katholischen Leben erst einmal beibehalten“, erklärt Angelika Eikermann. Um diese Einstellung zu erklären, blickt die Kirchengemeinderätin noch weiter zurück, in die Zeit der Christianisierung. Am Südeingang, der heute als Haupteingang dient, prangt ein sogenannter „Drudenfuß“ auf einem der Granitquader. „Das ist ein mittelalterliches, vorchristliches Symbol. Die Friesen haben nicht von einem Tag auf den anderen ihren Glauben abgelegt, sondern vielmehr das Christentum dem hinzugefügt“, erläutert Eikermann.

Ähnlich verhielt es sich im Übergang von katholisch zu evangelisch. Wie der Beichtstuhl überdauerte auch das Sakramentshaus die Jahrhunderte, wenn es auch heute die Abendmahlsgeräte anstelle eines Tabernakels beheimatet. Das mehr als acht Meter hohe Steinkunstwerk stand früher im Mittelgang vor dem Altarraum. „Als es in den Dreißigerjahren renoviert werden musste, wanderte es dann hier an die Seite“, sagt Angelika Eikermann. Denn eine Trennung zwischen dem Altarraum, in dem Priester die Messe durchführten, und den Besuchern im Kirchenschiff, war schon mit der Reformation nicht mehr nötig.

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Der Wechsel der Konfessionen änderte Eikermann zufolge aber nichts an der grundlegenden Tatsache, dass das Tettenser Gotteshaus nicht der Kirche gehörte. „Sie war eine Kirche der Leute und so behandelten sie sie auch“, sagt die 65-Jährige. Das bedeutet, dass den Tettensern die Instandhaltung ihres Gotteshaus am Herzen lag.

Sichtbar wird dies etwa am Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert. Gleich vier Inschriften auf der Rückseite weisen auf Renovierungen hin, die durch freiwillige Spenden oder Kollekten finanziert wurden. Der Altar zeigt in der Mitte die Kreuzigung Jesu. Die Seitenflügel hingehen stellen das Leben von zwei Heiligen dar.

„Es war lange nicht klar, wer hier zu sehen ist“, erklärt Angelika Eikermann. Es war Pastor Hans Thorade, der von 1925 bis 1953 in Tettens predigte, der die Bilder letztlich in Zusammenarbeit mit Universitätsprofessoren zuordnen konnte: Der linke Flügel ist dem Heiligen Martin gewidmet. Er wurde vor allem bekannt, weil er seinen Mantel mit einem bettelnden Pilger teilte. Die rechte Seite zeigt Szenen aus dem Leben des Heiligen Thomas aus England, der Erzbischof von Canterbury wurde.

Angelika Eikermann zeigt im Kirchenschiff einzelne Bänke, in deren Holz, teilweise noch gut zu erkennen, Zeichen eingeritzt sind. „Familien oder Einzelpersonen konnten gegen eine größere Spende in die Kirchenkasse Sitzplätze für sich reservieren“, erklärt die Kirchengemeinderätin. Dann habe man den Platz gekennzeichnet oder mit einem Wappen verziert. „Die Reichen haben sich gar eigene Stühle bauen lassen.“ Wenn andere Menschen dort Platz nahmen, sei es zu Auseinandersetzungen gekommen. Erst 1966 wurden diese Regeln aufgehoben und die Kennzeichnungen mit frischer Farbe übermalt.

Angelika Eikermann kennt sich bestens aus in der St.-Martins-Kirche. Die 65-jährige Kirchenälteste bot lange Zeit Kirchenführungen an. Das Wissen, das sie sich dafür aneignete, das aus Chroniken und Büchern von Pastor Thorade und anderen Quellen stammt, fasste sie 2012 in einem Wegweiser zusammen. Damit bündelt sie für Interessierte viel Wissenswertes über das Gebäude, das auch Teil des Wangerländischen Pilgerwegs ist.

In der katholischen Kirche gelten die Oblaten beim Abendmahl als tatsächlicher Leib Christi, sobald sie während der Messe geweiht wurden.

Sie werden in einem Tabernakel aufbewahrt, wo sie angebetet werden können: verschließbare Schränke, die bis ins 14. Jahrhundert vorwiegend in turmartige, kunstvolle Sakramentshäuser, wie das in Tettens, integriert waren. Denn im Hochmittelalter stand die reale Präsenz Jesu im Gottesdienst im Fokus, sodass die Tabernakel kunstvoll und zentral positioniert wurden.

Tabernake l ist das lateinische Wort für Hütte oder Zelt und zurückzuführen auf das Stiftszelt, in dem Moses in der Wüste die Bundeslade mit den Zehn Geboten aufbewahrte.

Julia Dittmann
Julia Dittmann Redaktion Wittmund