WANGEROOGE - Eigentlich wollte Hartmut Diers nur für eine Saison als Zugschaffner auf Wangerooge arbeiten. 'Ich hatte nie geplant, länger auf der Insel zu wohnen', sagt der heute 70-Jährige. Doch nach ein paar Jahren am Festland kehrte er Mitte der Siebzigerjahre doch wieder auf die Insel zurück – und fuhr regelmäßig mit der Inselbahn zwischen Inseldorf und Schiffsanleger.
Bis 2011 hat Diers bei der Inselbahn gearbeitet, ursprünglich kommt er aus Oldenburg. 'In all den Jahren hat sich einiges verändert', sagt er. Eine große Veränderung: die Fahrkarten. 'Früher gab es Pappkarten im Edmondsonschen Format.' Thomas Edmondson war der Erfinder des weit verbreiteten Fahrkartensystems. 'Die Karten gab es überall auf der Welt und hatten das gleiche Format: etwa drei Zentimeter breit und fünfeinhalb Zentimeter hoch.'
Die Karten waren vorgedruckt, es gab sie immer als Vorrat für etwa ein Jahr. Mit einer Stempelpresse, die das Datum anzeigte, wurde die Fahrkarte dann entwertet.
Damals ist Diers dann durch jeden einzelnen Waggon gegangen und hat die Fahrkarten kontrolliert – während der Zug mit rund 20 km/h zum Anleger oder ins Inseldorf fuhr. 'Wenn es besonders voll war, dann hat das schon mal gedauert. Manchmal ist der Zug dann vor dem Anleger stehen geblieben, bis der Schaffner auch durch war', erinnert sich Diers.
Früher hat die Inselbahn übrigens auch noch einen Zwischenstopp an der Saline gemacht – dort war sogar ein kleiner Bahnsteig, mit Gras bewachsen. 'Manche dachten, wenn sie hinten einsteigen, ist der Schaffner sicher schon weiter vorne – und sie müssten keine Fahrkarte kaufen. Da haben wir öfter jemanden geschnappt', sagt Diers und schmunzelt.
Der 19. Februar 1995 war schließlich der letzte Tag der Pappkarte. Ab dem 20. Februar gab es Fahrscheine aus dem Thermodrucker.
An ein besonderes Ereignis kann sich Diers noch erinnern: 1996 ist die Inselbahn entgleist. Eine Doppelachse hatte sich gelöst, berichtet er. 'Wir konnten nicht weiterfahren und standen bei der Saline.' 150 Gäste saßen damals im Zug. Sie mussten zu Fuß zum Westturm laufen, dort kam das damalige 'Inseltaxi' und ist so oft wie möglich zwischen Westen und Inseldorf hin- und her gefahren.
Immer im Gedächtnis bleiben wird Diers auch das berühmte 'Pling', das er und seine Kollegen immer vor der Ansage zur Abfahrt des Zuges ertönen ließen. Der Klang entsteht, wenn jemand mit einem Stift an die Schreibtischlampe tippt. Diers vermutet, dass einem Kollegen das einmal aus Versehen passiert ist – von da an hatte sich das 'Pling' durchgesetzt. Vor zwölf Jahren hat es diese besondere Geschichte dann sogar ins Fernsehen geschafft: In der Sendung 'Genial daneben', in der Promis von Zuschauern eingeschickte Fragen beantworten müssen, wurde auch die Frage gestellt: 'Warum hat ausgerechnet eine alte Schreibtischlampe die Modernisierung des Bahnhofs Wangerooge überlebt?' Die Antwort wusste niemand.
Die Sendung wurde im Jahr 2007 ausgestrahlt – da ist Diers schon längst nicht mehr als Schaffner durch die Inselbahn gegangen. Inzwischen gab es nämlich schon die Inselcard aus Plastik, mit der man am Anleger in Harlesiel durchs Gate gehen musste.
'In meinen letzten Arbeitsjahren war ich dann Teamleiter Wangerooge. Das heißt: Ich war für alles zuständig.' Von Zugleiter bis Containerabfertigung hat er so ziemlich alles gemacht. 'Es war schön, so hatte ich auch immer andere Aufgaben', meint Diers.
Aber an die schöne alte Zeit, in denen die Pappkarten kontrolliert wurden – an die erinnert sich der Wangerooger heute noch ziemlich gern.
