HERFORD/MüNCHEN - HERFORD/MÜNCHEN - Es gibt Tage, an denen könnte Sabine Stracke verrückt werden: Im Job reihenweise Projekte und Anfragen, Sohn Jannick kränkelt schon seit Tagen, und hinzu kommen unerträgliche Rückenschmerzen. Vor einigen Jahren wäre die allein erziehende Mutter in solchen Situationen fast durchgedreht. „Doch nun weiß ich, wie ich ausgeglichener werde. Ich habe Gelassenheit gelernt.“

Das wichtigste Warnsignal war für die Sozialpädagogin aus Herford der fünfjährige Sohn: „Immer wenn ich nervös und hektisch war, wurde Jannick bockig.“ Seitdem hat sie sich angewöhnt, mehr Puffer in den Alltag einzubauen und Termine im Notfall rigoros abzusagen. „Das hätte ich früher nie gemacht.“

Neben äußerlichen Entspannungshilfen wie etwa Wohlfühlbädern empfiehlt Sabine Stracke, die mittlerweile selber Kurse für allein Erziehende leitet, eine Prioritätenliste: „Da schreibe ich auf, was wirklich wichtig ist, unnötiger Ballast fällt weg.“ Doch auch das Gespräch mit Freunden dürfe nicht vernachlässigt werden. „Wer Stress und Ängste offen ausspricht, kann viel besser gegen sie angehen.“

Den Blick auf das „wirklich Wichtige“ empfiehlt auch Sabine Asgodom, Sachbuchautorin aus München. „Nehmen Sie mal die Hölle Kindergeburtstag: Warum müssen es denn der Zauberer und die riesige Torte sein, wenn auch ein Marmorkuchen ausreicht?“ Menschen müssten erkennen, wie sie loslassen und Leichtigkeit gewinnen können. Insbesondere Frauen sollten sich vom eigenen Perfektionswahn verabschieden. Gelassenheit beginne damit, auch eigene Schwächen zu akzeptieren – und Dinge, die nicht zu ändern sind.

„Üben Sie, mindestens 14 Tage lang unperfekt zu sein. Lassen Sie bewusst etwas Chaos zu, und versuchen Sie, es auszuhalten“, rät der Persönlichkeitscoach Horst Conen aus Köln. So sollte die Spülmaschine ausnahmsweise nicht umsortiert werden, wenn jemand anderes sie anscheinend falsch eingeräumt hat. Ungeliebte Tätigkeiten könnten zu 50 Prozent angenehmer gemacht werden, wenn ihnen Spaßanteile hinzugefügt würden, rät Conen. Weitere Schritte in Richtung Gelassenheit sieht Conen aber auch im Aufbau einer „freundlichen, inneren Instanz“, also in einer Veränderung der eigenen Einstellung. „Gehen Sie auf andere Menschen zu! Überwinden Sie Vorurteile, und führen Sie konstruktive, freundliche Gespräche.“

Für den Diplom-Psychologen Klaus Steinborn aus Mannheim ist „heitere Gelassenheit“ der Schlüssel für ein neues Lebensgefühl. Auf seiner Homepage „Gelassenheit.de“ rät Steinborn zu einer Rückbesinnung auf die innere Zufriedenheit durch die Kraft des Atmens, des autogenen Trainings.

Stress, Anspannung und Unruhe seien die Grundstörungen vieler psychischer Erkrankungen. Steinborns Hinweis zu mehr Gelassenheit: „Führen Sie Rituale ein! Paare sollten sich beispielsweise einmal in der Woche einen ganz besonderen Tag machen, sich auf „ihre Insel“ zurückziehen. Nehmen Sie sich so an, wie Sie sind!“ Frauen seien im allgemeinen eher in der Lage, neue Gelassenheit zu lernen, da sie eher bereit seien, stressige Situationen auf der Gefühlsebene zu erkennen.

Der Psychologe selbst entspannt sich beim Betrachten der Natur. „Jeder kann seine eigene Methode finden, den Geist frei zu machen.“ Eine weitere Hilfe zu mehr Gelassenheit kann das so genannte Neuro-Linguistische Programmieren (NLP) sein. Im NLP geht es darum, durch die Formulierung und Umstrukturierung von Zielen und Möglichkeiten eine neue Balance zu finden, erläutert der Diplom-Pädagoge und NLP-Experte Thomas Biege aus Osnabrück. „Es wird davon ausgegangen, dass jeder schon einmal Erfahrungen gemacht hat, die helfen, besser zurechtzukommen. Diese Erfahrungen und Erinnerungen werden durch NLP visuell, akustisch oder im Gespräch aufgefrischt, um dann in der Zukunft als Anker zu dienen“, so Biege.