München - Die Übungen sind nicht wirklich neu, aber sie tragen beim Fitnesstrend Freeletics neue Namen. Kniebeugen heißen Squats, Liegestütz nennen sich Pushups, Froschsprünge sind Froggers. Philipp Hagspiel, Direktor für Forschung und Entwicklung, sagt auch nicht, dass die Freeletics GmbH das Rad neu erfunden hat. Aber man habe „die Übungen in eine neue Form gepackt, damit die Leute nicht ziellos und wahllos trainieren, sondern effizient und nachhaltig“.
Die Athleten trainieren nur mit dem eigenen Körpergewicht, benutzen also keine Geräte. Ihre regelmäßig nach Leistungsstand aktualisierten Trainingspläne erhalten sie von einem elektronischen Coach, den sie auf der Internetseite oder via Smartphone-App abrufen können. Auch andere Anbieter wie Gymondo oder Fitnessraum versorgen ihre Nutzer mit Übungen oder Programme via App oder online – fernab von Fitnessstudios oder Sportvereinen.
Freeletics verspricht viel. „Die Form Deines Lebens. Garantiert“, stellen Anbieter in Aussicht – und das in nur 15 Wochen. Und sie fordern ihre Kunden dafür enorm. „Das ist auch gewollt. Es geht nicht darum, in seiner Komfortzone zu trainieren. In der Komfortzone befinden wir uns viel zu häufig“, sagt Hagspiel.
Für „junge, gesunde und fitte Menschen“ sei das Programm gut, findet Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Sportanfänger jenseits der 30 sollten aber zunächst in ein Studio gehen und sich vorbereiten, empfiehlt er.
Das Training besteht aus Sportübungen, sogenannten Workouts, die zwischen 15 und 45 Minuten dauern. Sie setzen sich aus verschiedenen Übungen wie Klimmzügen oder Hampelmännern zusammen. Dazu kommen Läufe und Sprints. Der Leistungsindikator besteht in der korrekten Ausführung und in der Frage: Wie viele Übungen schaffe ich in welcher Zeit?
Kern ist das High Intensity Training (HIT), also hochintensive Einheiten von kurzer Dauer, die den Sportler an die Leistungsgrenze bringen. Im Mittelpunkt steht dabei die Kraft-Ausdauer-Komponente, erklärt Hagspiel. Dieser Fitnessbereich biete „die größten Hebel, um Leistung zu maximieren, also möglichst viel Arbeit in möglichst kurzer Zeit zu vollbringen. Das ist genau das, was das Training so effizient macht, das heißt schnelle Ergebnisse zu liefern.“
Das Freeletics-Programm findet Michael Branke, Pädagogischer Leiter der Deutschen Fitnesslehrer Vereinigung (DFLV) „extrem“ und für normale Menschen kaum zu schaffen. „Ich glaube, dass viele an der Überlastungsgrenze trainieren. Aber manche mögen das ja auch.“
Auf Übungen mit dem eigenen Körpergewicht setzen die Freeletics nicht nur wegen der Unabhängigkeit von Geräten. „Man erlernt damit effiziente Bewegungsmuster, die für den Alltag eine große Rolle spielen“, sagt Hagspiel.
Froböse sieht darin den Vorteil natürlicher Bewegungen, die im Alltag „die Basis“ seien. Er gibt aber zu bedenken: „Wenn ich noch keine natürliche Bewegungskompetenz habe, hilft es mir, wenn mich Geräte führen.“ Außerdem gibt es beim Freeletics keinen realen Trainer, der Fehler in der Ausführung gegebenenfalls korrigiert. „Grundsätzlich freue ich mich, wenn junge Menschen in Bewegung kommen und motiviert werden, es dauerhaft zu machen“, sagt er.
Sich vom Smartphone sportlich auf Zack bringen lassen – das geht mit verschiedenen Fitness-Apps. Grundsätzlich sind die Anwendungen für jeden geeignet, sagt Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Doch sollte insbesondere bei Vorerkrankungen und gesundheitlichen Einschränkungen das Trainingsprogramm mit dem Arzt abgestimmt und durch ihn begleitet werden.“
Beim Training kann die App unter Umständen Puls und Atemfrequenz aufzeichnen. Die Verlässlichkeit der Daten hängt aber stark von der Qualität der Sensoren ab, sagt Albrecht. Deshalb ist es wichtig, auf die Signale seines Körpers zu hören und sich nicht zu überfordern.
