Im Februar hat der Vorstoß einer privat geführten Essener Kita die Debatte ums Impfen neu entfacht: Die „Kinderkiste“ in Essen und vier weitere Horte nehmen ab sofort nur noch Kinder auf, die gegen Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps und Röteln einen Impfschutz haben.

Gerade junge Krippenkinder sind besonders gefährdet, ernsthaft zu erkranken. Aus immunologischen Gründen können Lebendimpfstoffe wie der Masern-Impfstoff in den ersten Lebensmonaten noch nicht verabreicht werden. Wenn Masern in die Kindertagesstätte eingeschleppt werden, besteht die Gefahr einer Übertragung auf noch ungeimpfte beziehungsweise noch unvollständig geimpfte Säuglinge und Kleinkinder. Eltern, die ihre Kinder aus ideologischen Gründen nicht impfen lassen und sie dennoch in Gemeinschaftseinrichtungen schicken, handeln daher nicht nur ihrem eigenen Kind, sondern auch anderen Kindern gegenüber verantwortungslos.

Die heute bei uns von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Kinder empfohlenen Impfungen sind effektiv und gut verträglich. Durch die Impfprogramme der vergangenen Jahrzehnte konnten bedrohliche Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Poliomyelitis, Masern, Mumps und Keuchhusten zurückgedrängt werden. Die Impfungen können in seltenen Einzelfällen meist harmlose Nebenwirkungen auslösen, hinterlassen aber im Gegensatz zu den verhüteten Erkrankungen keine bleibenden Schäden.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin hatte bereits 2009 gefordert, einen altersentsprechend vollständigen Impfschutz gemäß STIKO-Empfehlungen zur verpflichtenden Voraussetzung für den Besuch von Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen zu machen. Die Bundesregierung wurde aufgefordert, das Infektionsschutzgesetz dahingehend zu erweitern, den Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung im Kindesalter nur bei altersgemäß vollständigem Impfschutz zu ermöglichen, sofern keine Kontraindikationen für Impfungen vorliegen. Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und der Deutsche Ärztetag befürworten die Idee der Impfpflicht. Die Politik zögert noch immer, diese Forderung umzusetzen.

Nun hat der Elternrat einer privat geführten Kita sich für eine Impfpflicht aufzunehmender Kinder ausgesprochen. Die Kita-Leiterin berichtete über eine durchweg positive Resonanz der Eltern auf diese Maßnahme. In anderen europäischen Ländern ist ein vollständiger Impfschutz schon lange Voraussetzung für einen Kitabesuch. Nach Angaben der Stadt Essen brauchen private Kita-Träger für eine Vorgabe wie der Impfpflicht keine Genehmigung der Behörden. Ein vollständiger Impfschutz von Kita-Kindern führt zu einem deutlich verbesserten Impfschutz von Schulkindern. Dann würden auch keine Masernerkrankungen in Schulen auftreten.

Das Gesundheitsamt in Essen hält die Maßnahme der „Kinderkiste“ für eine gute Idee, will sie bisher aber nicht auch für städtische Kitas anwenden. Warum zögern Gesundheitsämter in Essen und anderswo, diese wirkungsvolle Schutzmaßnahme umzusetzen?