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NWZonline.de Sport Fußball 1.Bundesliga Werder Bremen

Video-Wirrwarr überlagert Sieg

16.09.2019

Berlin Florian Kohfeldt wirkte nach mehr als 90 denkwürdigen Minuten aufgekratzt. Zum Herunterkommen musste sich der Trainer von Fußball-Bundesligist Werder Bremen erstmal einen Schluck Wasser genehmigen und das Hemd durchlüften, bevor er erklären konnte, was in ihm nach dem hart erkämpften 2:1 (1:1)-Sieg seiner Not-Elf bei Union Berlin vorging.

Nein, den vielgescholtenen Schiedsrichter Tobias Welz wollte er eigentlich nicht großartig kritisieren. Nur als es um seine Schäfchen ging, war der Coach bissig geworden. „Da wird ein Spieler von mir drei Meter vor mir in die Bande gerammt“, sagte Kohfeldt: „Die ganze Bank springt auf und ich kriege dann Gelb. Mit den Worten: Ich gebe dem Spieler jetzt Gelb-Rot, deshalb gebe ich Ihnen Gelb. Da muss ich mich leider kaputtlachen.“ Gemeint war das Foul an Bremens gut aufgelegtem Zugang Leonardo Bittencourt, der in der 89. Minute vom anschließend mit Gelb-Rot vom Platz gestellten Neven Subotic unsanft in die Horizontale befördert worden war.

Union Berlin - Werder Bremen 1:2 (1:1)

Berlin: Gikiewicz - Trimmel, Friedrich, Subotic, Lenz - Gentner (84. Abdullahi), Andrich - Becker (73. Gogia), Bülter - Ujah (67. Polter), Andersson. Bremen: Pavlenka - Lang, Gebre Selassie, Groß, Friedl - Sahin - Bittencourt (90. Goller), Klaassen - Osako (68. Sargent), Füllkrug, J. Eggestein (84. Pizarro). Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden). Tore: 0:1 Klaassen (5., Foulelfmeter nach Videobeweis), 1:1 Andersson (14., Handelfmeter nach Videobeweis), 1:2 Füllkrug (55.). Zuschauer: 22 012 (ausv.). Gelb-Rote Karten: Subotic wegen wiederholten Foulspiels (89.), Sahin wegen unsportlichen Verhaltens (90.+1). Besonderes Vorkommnis: Gikiewicz hält Foulelfmeter von Klaassen (55.).

Die Szene war ein Anzeichen dafür, dass Welz, der wenige Minuten später auch Werders Nuri Sahin (90+1.) höchst umstritten wegen eines zu schnell ausgeführten Freistoßes an der Seitenlinie mit der Ampelkarte des Feldes verwies, die Partie entglitten war. Kohfeldt aber zeigte auch Verständnis für den Referee, der ein bewegtes Spiel mit drei Elfmetern, mehreren Videobeweisen und zwei Platzverweisen hinter sich hatte. „Es ist ein sehr hektisches Stadion und es war ein Spiel, das sehr viele strittige Situationen hatte. Ich glaube, wenn er es im Rückblick sieht, wird er sagen, dass er nicht seinen allerersten Tag gehabt hat“, so Kohfeldt: „Er hat versucht, über gewisse Entscheidungen Ruhe hineinzubringen, die es aus meiner Sicht noch mehr angeheizt haben.“

Und das begann schon sehr früh im Spiel. Sowohl die Bremer Führung durch Davy Klaassen (5. Minute) als auch den Unioner Ausgleich, den Sebastian Andersson (14.) besorgte, fielen nach Elfmetern, auf die Welz nach eindringlicher Abstimmung mit dem Videoassistenten entschied.

Beim 1:0 von Klaassen hatte Welz gar bereits auf den Punkt gezeigt, schaute sich dann nach Rücksprache mit Dankert aber nochmals die TV-Bilder an, nur um doch bei seiner zweifelhaften Entscheidung zu bleiben. Bis zur Ausführung des Strafstoßes dauerte es Minuten. Zu viel für die Betroffenen.

„Der Fußball wird dadurch fairer aus meiner Sicht, aber das heute war eindeutig zu viel Diskussion“, sagte Unions Trainer Urs Fischer. Kohfeldt schien gar resigniert: „Dass Davy da drei Minuten warten muss auf den Elfmeter, ist nicht optimal, aber das ist nicht anders zu lösen.“

Am Ende darf er trotzdem lachen, denn nach einem schwierigen Start in die Spielzeit reichte für den zweiten Bremer Saisonerfolg nachein-ander – und das ohne zehn gestandene Spieler, die verletzt fehlen. „Mit wie viel Herz mein Team gespielt hat, davor ziehe ich den Hut. Was die Mentalität angeht, Widrigkeiten überwinden zu wollen, damit bin ich sehr zufrieden“, meinte Kohfeldt. Niclas Füllkrug (55.) köpfte eine Ecke im zweiten Durchgang zum Sieg ins Netz. Dem vorausgegangen war unmittelbar vorher ein von Union-Torwart Rafal Gikiewicz parierter Foulelfmeter von Klaassen – selbstredend war auch jener ein Produkt des Videobeweises.

Bei all den Turbulenzen geriet fast in den Hintergrund, wie wichtig der Sieg für Werder war. Das Programm mit dem Heimspiel an diesem Samstag (18.30 Uhr) gegen RB Leipzig und den darauffolgenden zwei Auswärtspartien in Dortmund und in Frankfurt ist happig. Aufgrund der Personalmisere wird Werder in allen drei Spielen als Außenseiter in die Partie gehen. Da ist es umso bitterer, dass der formstarke Sahin gegen den aktuellen Spitzenreiter aufgrund seiner Sperre fehlen wird. „Meinen Platzverweis kann ich nicht verstehen. Ich dachte, der Freistoß wäre freigegeben gewesen. Ich schieße den Ball ja nicht irgendwohin, sondern halte ihn im Spiel“, moserte Sahin. Es war der passende Schlussakt einer vogelwilden Partie.

Lars Blancke Redakteur / Sportredaktion
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