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NWZonline.de Region Wesermarsch

Als der Krieg an der Haustür klingelte

29.04.2015

Nordenham Die Angst war sein ständiger Begleiter. Rückblickend war es die schlimmste Zeit, die Johann Harms erlebt hat. Kurz bevor der Zweite Weltkrieg endete, bekam er einen Einberufungsbescheid – im Februar 1945, wenige Tage nach seinem 15. Geburtstag. Johann Harms verbrannte das Papier. Er hoffte, dass er nicht mehr als Soldat in den Krieg ziehen muss. 70 Jahre ist das nun her. Johann Harms weiß, dass er großes Glück hatte.

Den 85-Jährigen kennen viele als Lehrer am Nordenhamer Gymnasium, wo er von 1972 bis 1993 unterrichtet hat. Auch als Fußballer ist Johann Harms, der von den meisten Jenning genannt wird, in guter Erinnerung geblieben. Er spielte in der Meistermannschaft des Sportclubs Nordenham, die 1952 den Aufstieg in die damals zweithöchste deutsche Spielklasse schaffte.

Johann Harms

ist am 24. Januar 1930 in Nordenham geboren. Er wuchs mit zwei älteren Geschwistern an der Viktoriastraße auf. Nach einer Kaufmannslehre studierte er in Kiel Sport und Englisch für das Lehramt. Von 1957 bis 1970 war er als Lehrer an Privatschulen im US-Bundesstaat Connecticut tätig.

In Nordenham war Johann Harms von 1977 bis 1993 Ortsbeauftragter für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dieser Verband hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Am Gymnasium hat Johann Harms die Spendensammlungen der Schüler für den Volksbund koordiniert.

Wie viele seiner Mannschaftskameraden ist Johann Harms in der Zeit des Nationalsozialismus groß geworden. Er war zehn Jahre alt, als er zum Jungvolk musste. „Das war die Vorstufe zur Hitler-Jugend“, erinnert er sich. Immer mittwochs und sonnabends kamen die Kinder zusammen. Die Jungen wurden in Uniformen gesteckt: braune Hemden, schwarzer Schlips und schwarze kurze Hose. Viele Treffen fanden im Haus Hansing an der Ecke Mittelweg/Bahnhofstraße statt.

Gerne hingegangen

„Ich bin da immer gerne hingegangen“, erinnert sich Johann Harms. Vor allem mittwochs: Dann stand Sport auf dem Programm. Sonnabends wurde marschiert. Und es wurden Lieder gesungen. „Das war alles völlig normal für uns. Wir kannten es nicht anders.“

Im Alter von zwölf Jahren wechselte Johann Harms in den Fanfarenzug. Mit 14 Jahren nahm er an mehreren Panzervernichtungslehrgängen in Bookholzberg teil. „Da mussten wir mit der Panzerfaust und mit dem Gewehr auf Güterwaggons schießen.“

Johann Harms besuchte die Hafenschule. Eigentlich sollte er zur Oberrealschule, dem heutigen Gymnasium, wechseln. „Aber meine Eltern konnten das Schulgeld nicht aufbringen.“

Der Nordenhamer erinnert sich daran, wie immer wieder die Sirenen heulten. Fliegeralarm. Irgendwann war auch das für ihn ganz normal. In der Nachbarschaft gab es einen Luftschutzkeller. Wenn der Alarm losging, mussten sich dort alle in Sicherheit bringen – meistens mitten in der Nacht.

Den Bombenangriff auf Nordenham am 18. Juni 1944, bei dem 68 Menschen ums Leben kamen, hat Johann Harms nicht miterlebt. Zu diesem Zeitpunkt war er mit seinem Fanfarenzug bei einer Kundgebung in Brake. Aber der Krieg wurde auch für Johann Harms immer deutlicher spürbar, je länger er dauerte. Im Februar 1945 klingelte er bei ihm an der Haustür.

Den Eltern nichts erzählt

Johann Harms war alleine in der Wohnung an der Viktoriastraße. Sein Vater arbeitete bei Weserflug ins Einswarden. Die Mutter war gerade einkaufen. Der Mann vor der Tür trug eine Armbinde mit einem Hakenkreuz. Er sagte kein Wort. Er drückte ihm einen Brief in die Hand. Johann Harms ging mit dem Umschlag in die Küche. Das war der einzige beheizte Raum in der Wohnung. Er öffnete den Brief, und dann fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Es war der Einberufungsbescheid. „Ich habe nicht lange überlegt und den Brief ins Herdfeuer geworfen. Meinen Eltern habe ich nichts davon erzählt. Ich hatte Angst. Große Angst.“

Diese Angst schleppte Johann Harms noch vier Monate mit sich herum, bis der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende war. „Jedes Mal, wenn es an der Haustür klingelte, habe ich einen Schreck bekommen.“ Er wusste, was passieren kann, wenn er an die Front muss. Und die war nicht weit entfernt. Die Alliierten waren bereits bis nach Südoldenburg vorgedrungen. Es gab Schulkameraden, die bereits eingezogen worden waren und nie wieder zurückgekommen sind.

Johann Harms weiß nicht mehr genau, wie er vom Kriegsende erfahren hat. Er weiß nur, dass er unheimlich erleichtert war. „Ich bin dankbar, dass ich den Krieg überlebt habe“, sagt der 85-Jährige. Dankbar ist er auch, dass in Deutschland seit 70 Jahren Frieden ist. „Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Geschenk, ein kostbares Gut.“ Den jungen Menschen rät der Nordenhamer, alles dafür zu tun, dieses kostbare Gut zu bewahren.

Jens Milde
Nordenham
Redaktion Nordenham
Tel:
04731 9988 2205

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