Wesermarsch - Thomas Homm ist fassungslos. „Ach du meine Güte“, reagiert der Elsflether Pilzsachverständige bestürzt, als er im Gespräch mit unserer Redaktion erfährt, dass eine Mutter aus Berne kürzlich Grüne Knollenblätterpilze zu sich genommen hatte. Die 30-Jährige überlebte die verhängnisvolle Verwechslung mit einem Champignon (wie berichtet) nur dank einer raschen Lebertransplantation.
Der Vorfall verdeutlicht, wie wichtig eine Pilzberatung und die Aufklärung über tödliche Gefahren sind. Hierfür stehen den Menschen zwar viele Möglichkeiten zur Verfügung, alle aber besitzen Stärken und Schwächen. Unsere Redaktion geht darauf ein und erklärt, warum Methanol im Falle einer Vergiftung – anders als von uns zitiert – keinesfalls getrunken werden darf.
Pilzsachverständige
Die erste Anlaufstelle zur Beratung sollten Experten wie Thomas Homm sein. Als nach speziellen Richtlinien geprüfte Pilzberater können sie sicher beurteilen, ob gesammelte Pilze essbar oder hochgiftig sind. Die Pilze sollten dafür aber idealerweise in einem Korb und nicht als Fotos mitgebracht oder eingeschickt werden. Die meisten Pilzsachverständigen sind bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) geführt, Kontaktdaten der Experten finden Pilzliebhaber auf der Internetseite unter www.dgfm-ev.de.
Das Problem: Unter Umständen ist eine Region „unterversorgt“ und die Pilzsammler müssen weite Wege für die Beratung in Kauf nehmen. Auf der Karte der DGfM sind beispielsweise Pilzsachverständige in Leer und Elsfleth markiert, nördlich davon gibt es (zumindest unter dem Dach der DGfM) im Nordwesten aber keinen einzigen Experten. Immerhin: Die Zahl der dort registrierten Berater liegt relativ stabil zwischen 550 und 700.
Steckbriefe
Damit sich Personen im Zweifelsfall einen langen Weg sparen können, hat die DGfM einen Steckbrief zum Grünen Knollenblätterpilz angefertigt – und zwar nicht nur in deutscher Sprache. Der Verein stellt diese Hilfe auf der Homepage zur Verfügung. Thomas Homm meint, dass insbesondere Organisationen die Warnhinweise ausdrucken und in deren Räumlichkeiten aushängen müssten, die persönlichen Kontakt zu Ausländern haben.
Eine mögliche Ursache für die Pilzverwechslung der Frau aus Berne kann seiner Meinung nach nämlich deren Migrationshintergrund gewesen sein. Thomas Homm berichtet von Erfahrungen mit Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft zu wenig Berührungspunkte mit giftigen Pilzen hatten, weil die Aufklärung in den anderen Ländern schlichtweg vernachlässigt wird oder die gefährlichen Pilze Ähnlichkeit mit harmlosen Exemplaren aus der Heimat haben.
Das Problem: Viel zu wenig Organisationen wissen von den Hinweisen der DGfM oder nutzen die Steckbriefe, auf denen natürlich auch Fotos des Grünen Knollenblätterpilzes abgebildet sind.
Pilz-Apps
Mit den Fotos ist das aber so eine Sache, denn die Pilze können abgelichtet anders aussehen als in der Realität. Aus diesem Grund ist es gefährlich, sich ausschließlich auf Beurteilungen von Pilz-Apps zu verlassen. Viele davon sind zwar kostenlos, dafür aber unzuverlässig. Grundlage für die Entscheidung, Pilze zu essen oder nicht, sollten sie daher nicht sein.
Das Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen (Tel. 0551/19240) hilft telefonisch in akuten Fällen. Die aktuelle Methode bei einer Amanitin-Vergiftung ist die Verabreichung von Mariendistelextrakt. Das Gift des Grünen Knollenblätterpilzes ist in Methanol zwar löslich. Methanol sollte aber niemals getrunken werden, da das ebenfalls zum Tod führen kann.
