Berne - Manuela Tatje hat keinen blassen Schimmer, wie es am 1. Januar 2022 weitergehen soll. Die Bernerin spricht bei der Kundgebung auf dem Breithof in der Gemeinde B erne ganz offen über die missliche Lage, in der sie und vor allem ihre pflegebedürftige Tochter sich wegen der Schließung der Sozialstation Stedingen aktuell befinden. „Es gibt keinen Plan B“, sagt die Mutter, „ich bin einfach nur entsetzt“.
Entsetzt, weil die Diakonie erst vor kurzem alle Betroffenen in einem Brief über die bevorstehende Schließung informiert hatte. Für Menschen wie Manuela Tatje bedeutet dies, dass sie bis zum 31. Dezember Ersatz finden müssen. Zwar habe die Diakonie eine Liste mit Pflegediensten und ähnlichen Optionen in der Umgebung beigefügt, mit einem Anruf sei die Sache aber nicht getan.
Schlag ins Gesicht
Zumal Manuela Tatje beruflich eingespannt ist und gar nicht die Zeit hat, Stunden mit der schwierigen Suche zu verbringen. Die ganze Sache nehme sie emotional sehr mit und sei „ein weiterer Schlag ins Gesicht“, sagt Tatje. Die Suche nach einer passenden Pflege erschwere sich zusätzlich, weil ihre Tochter sich nur schwer auf fremde Menschen einlassen kann.
In diesem Zusammenhang kritisiert sie die Sozialstation Stedingen auch dafür, dass es bei der Pflege der Tochter keine Konstante gab. Immer wieder habe sich die 20-Jährige an neue Pflegerinnen und Pfleger gewöhnen müssen. Nun beginnt alles von vorne – wenn es überhaupt gelingt.
Offenbarungseid
Für Albert Mumme, Vorsitzender des Kreisbehindertenbeirates, ist der Umgang der Diakonie mit den Menschen schlichtweg ein Skandal. Dass eine kirchliche Organisation die Schließung der Sozialstation so kurz vor dem Fest der Nächstenliebe verkündet, habe mit der Achtung der Menschenwürde nichts zu tun und sei ein Offenbarungseid gegenüber pflegebedürftigen Menschen.
„Ich finde das schmutzig! Das ist schändlich!“, schreit Mumme in das Mikrofon. Etwa 30 Menschen sind zur Kundgebung gekommen und stimmen ihm nickend zu. Auch das ehemalige Gemeinderatsmitglied Gerold Hohlen (Die Linke) ist als Versammlungsleiter dabei.
Keine Andeutung
Er berichtet, dass die Diakonie in den vergangenen Jahren nicht einmal diesen Schritt angedeutet hätte. Weder im Rat, noch in den Ausschüssen sei ein Vertreter der Diakonie an die Kommunalpolitiker herangetreten. „Man hat die Menschen vor vollendete Tatsachen gestellt“, kritisiert Hohlen.
Ende November hatte Michael Groß, Geschäftsführer der Diakonie-Sozialstationen im Oldenburger Land, die Schließung der Sozialstation Stedingen bestätigt. Grund sei der große Personal- und vor allem Bewerbermangel.
Personalsuche
Seit dem Frühjahr suche die Diakonie laut Groß Personal – etwa als Ersatz für zwei Mitarbeiterinnen, die krankheitsbedingt längerfristig ausgefallen waren. Die Suche blieb erfolglos. Effektiv habe die Sozialstation daher nur vier Fachpflegekräfte, die dauerhaft einsetzbar sind. Von ihnen gingen nächstes Jahr zwei in Rente. Die Arbeit sei dann nicht mehr zu leisten und auch rechtlich nicht zulässig, da es personelle Mindestvorgaben gebe.
