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NWZonline.de Region Wesermarsch Bildung

Wenn der Blanke Hans brutal zuschlägt

04.01.2018

Abbehausen Der „Blanke Hans“ ist in der Küstenregion allgegenwärtig und unberechenbar, bedroht seit jeher Hab und Leben und lehrt immer wieder von neuem den Respekt vor den Naturgewalten. Da Erzählungen über solche Katastrophen stets hellhörig machen, hatte der Vorsitzende des Rüstringer Heimatbundes, Hans-Rudolf Mengers, durchaus erwartet, dass er zum Vortrag über die Weihnachtsflut 1717 am ersten Klönabend dieses Jahres im Landhotel Butjadinger Tor volles Haus haben wird.

Dass sich dann aber weit vor Beginn schon weder Sitz- noch Stehplätze boten, die Gäste sogar Kindersitze herbeischlurrten oder auf instabilen Plastiktischchen zusammenrückten und die Warteschlange vor der Tür nicht abriss, verblüffte ihn dann doch. Hans-Rudolf Mengers und Hotelier Udo Venema entschlossen sich deshalb spontan, mit ihren mehr als 200 Gästen in den Großraum hinter der Gasthausbrauerei umzuziehen.

Als Referenten für ihren heimatkundlichen Vortrag hatten die Rüstringer mit dem pensionierten Baudirektor und Diplom-Ingenieur Klaas-Heinrich Peters einen ausgewiesenen Fachmann gewonnen. Über 40 Jahre war er in der Wasserwirtschaft tätig. Der Deichbau und die Deichsicherheit zählten zu seinen Aufgabenschwerpunkten.

Aus frühen Jahren gebe es keine verlässliche Sturmflutstatistik, wohl aber viele Katastrophenberichte, begann Klaas-Heinrich Peters. Da solche als „Strafgerichte Gottes“ beschriebenen „Wasserfluten“ über Generationen immer und immer wieder weitererzählt wurden, müssten Opferzahlen allenthalben kritisch hinterfragt werden.

„Eine Sündflut folgt auf die andere. Man lässt Hunderttausende so kalten Blutes ertrinken, als ob es sich um die Jungen von Hunden und Katzen handelte“, habe beispielsweise Carl Woebcken anno 1924 zusammengefasst.

Die erste quellenmäßig gesicherte Sturmflut ist die Erste Julianflut im Dezember 1164, die erste nachhaltig belegte die Allerheiligenflut 1570, die zwischen Ems und Weser knapp 10 000 Menschen den Tod gebracht haben soll. Am schiefsten Turm der Welt in Suurhusen bei Emden sei die Flutmarke einst bei 4,50 Meter eingemessen worden, also etwa 60 Zentimeter tiefer als bei der Weihnachtsflut 1717.

Der Blanke Hans gab den Menschen kaum Zeit zum Ruhen – Schlag auf Schlag folgten viele weitere tragische Fluten. Die Deiche waren überaus stark beansprucht und die Küstenbewohner überfordert. Die Reparatur war häufig bis zur nächsten Katastrophe nicht möglich.

Deiche wurde daher rückverlegt. Die Weihnachtsflut 1717 dann traf Butjadingen zu einem Zeitpunkt, an dem es um den Deichschutz besonders schlecht bestellt und die wirtschaftlichen Verhältnisse geradezu katastrophal waren. Die dänische Verwaltung nämlich kümmerte sich nicht. Schon im Vorfeld der Flut hatten Viehseuchen, Missernten und ein außergewöhnlicher Mäusebefall auf den Weiden wesentliche Teile des Hornviehbestandes dahingerafft.

Und nun die Flut. Sie tötete 30 Prozent der gesamten Bevölkerung Butjadingens. Die Dörfer Atens und Waddens seien „gantz weg“, hieß es in einer Nachricht aus Oldenburg vom 2. Januar 1718. Es werde geplündert und geräubert, hieß es in einer anderen.

In Abbehausen blieb nicht mehr „als des Voigts und ein anderes Haus stehen“ (3. Januar), der Pastor zu Waddens habe sich „das Leben mit Frau und Kindern aufm Balken gerettet, und zwar so wie er aus dem Bette gekommen“ (4. Januar).

Was die Flut übrig ließ, nahmen sich die Flutfolgen: Von Salzwasser verseuchte Weiden, unbrauchbare Vorräte, durchnässtes Futter und daraus entstehende Brände. Armut, Versteigerungen, Besitzerwechsel und Besitzkonzentrationen, Preisverfall und Teuerung waren die Folgen.

Die Eisflut am 25. Februar 1718 verschlechterte die Situation zusätzlich. Ein Viertel der Bevölkerung Butjadingens musste daher im Winter 1718/19 mit Lebensmitteln unterstützt werden. Viele Transporte blieben allerdings auf den aufgeweichten Wegen stecken.

Die Deiche waren erst notdürftig repariert, als der Blanke Hans zu Neujahr 1720 erneut brutal zuschlug. Ein Schuldenerlass durch König Friedrich IV. jedoch half fortan beim Wiederaufbau: 15 bis 20 Jahre nach der Flut sei keine Spur von der Katastrophe mehr vorhanden, schrieb seinerzeit der Kammerrat Bolken. Und die Bauern konnten ausweislich der Steuerregister die öffentlichen Abgaben wieder voll leisten.

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