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NWZonline.de Region Wesermarsch Bildung

Merle Grabmaier wollte „das echte Südafrika“ kennen lernen

16.05.2019

Jaderberg /Johannesburg „#tunwirwas“ war der Titel eines Buches, welches mich Anfang des Jahres motiviert hat, während meiner Zeit in Afrika mehr zu tun als die Universität zu besuchen.

Etliche Geschichten ranken sich rund um das Township Soweto – die meisten doch eher weniger erquickend und kaum ein Anreiz, mehr als eine zweistündige Sight­seeing-Tour in diesem Stadtteil nahe Johannesburg zu verbringen. Trotzdem hatte ich das Bestreben, das echte Südafrika kennenzulernen, abseits der Blase, in welcher man auf dem Campus lebt: elektrische Türschlösser, Durchfahrtskontrollen bei jedem Auto und umgeben von einem meterhohen Stromzaun lernt man doch eher weniger das Land und die Leute kennen, sondern konzentriert sich auf den universitären Kontext – also nicht wirklich das, wofür sich eine 15-stündige Flugreise um den halben Globus in Zeiten des Klimawandels rechtfertigen lässt.

Nach einiger Recherche habe ich dann das Soweto Equestrian Center entdeckt: Enos Mafokate, der erste dunkelhäutige Reiter aus Südafrika, welcher trotz der Apartheid international an Springturnieren teilnehmen und als Ambassadeur sogar zu den Olympischen Spielen reisen konnte, hat 2007 etwas Land in Soweto von der Regierung erhalten und dort ein einmaliges Projekt gestartet. Für Kinder ab vier Jahren, die in und um Soweto aufwachsen, bietet er kostenlosen Reit-und Voltigierunterricht an – einige von ihnen starten inzwischen sogar auf nationalen Turnieren! Alle Kinder können jederzeit auf das einfache, aber sehr funktional ausgestattete Gelände kommen und dort Zeit mit den rund 20 Pferden verbringen – viele der Tiere würden nicht mehr leben, wenn Enos Mafokate sie nicht aufgenommen und gepflegt hätte.

Gewalterfahrungen

Für die meisten Kinder ist das Equestrian Center neben der Schule die einzige Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung ihre Freizeit zu verbringen, auch wenn viele von ihnen dafür paradoxerweise kilometerlange Strecken zu Fuß und alleine zurücklegen müssen, da es weder verlässliche öffentliche Verkehrsmittel, noch das Geld für einen privaten Transport gibt. Die meisten der Kinder tragen Lumpen, keines von ihnen hat jemals ein neues Kleidungsstück besessen. Leider haben viele von ihnen bereits Gewalt erlebt, die Mädchen oftmals auch sexuelle, da sich in einigen Gebieten Afrikas immer noch der Aberglaube hält, Sex mit einer Jungfrau würde HIV/Aids heilen.

In meiner Zeit vor Ort konnte ich den Kindern sowohl theoretisches Wissen vermitteln als auch Reitunterricht geben und ihnen sogar bei Hausaufgaben helfen. Einige der Pferde wurden nie eingeritten, wodurch ich nebenher auch noch täglich mehrere Pferde reiten konnte, um zumindest einen kleinen Teil zu der Grundausbildung der Tiere beizutragen.

Außerhalb des Hofes habe ich meine Zeit am Vormittag genutzt und einige Schulen in Soweto besucht, um dort den älteren Kindern Aufklärungsunterricht zu geben, da diese Themen leider kaum in der schulischen Bildung integriert werden – mit der Folge, dass viele Menschen sehr jung Kinder bekommen und das Wissen um Themen wie die Periode ebenfalls sehr gering ist.

Die Arbeitslosigkeit in Soweto ist hoch, mindestens 60 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen haben keine Beschäftigung. Dabei gilt Soweto als eines der Vorbilder wenn es um die Entwicklung von Townships geht, da sich dort auch eine stabile Mittelschicht etablieren konnte und die Kriminalität im Verhältnis zu anderen Townships eher gering ist. Ohne die Begleitung einer dunkelhäutigen und ortskundigen Person kann ich mich in Soweto außerhalb des eingezäunten Stallgeländes jedoch trotzdem nicht bewegen.

Unsichtbare Trennlinie

Wie stark die Trennung zwischen Schwarz und Weiß immer noch die südafrikanische Gesellschaft bestimmt, war mir vor meiner Reise in dieses Land nicht bewusst, und ich war besonders in Johannesburg erschüttert, wie prävalent eine unsichtbare Trennlinie zwischen den Menschen mit unterschiedlicher Hautfarben steht. Ein Ausflug gemeinsam mit Enos Mafokate zu einem großen Reitturnier in der Nähe von Johannesburg hat mir diesen Zustand mit einer unverhohlenen Offenheit dargestellt, die mich sprachlos gemacht hat: In dem Publikum befanden sich ausschließlich hellhäutige Menschen – Enos Mafokate ausgenommen. Die einzigen dunkelhäutigen Personen auf dem Gelände waren die Pferdepfleger, welche meist nicht im Auto der Reiter, sondern in den Hängern neben den Pferden an- und abgereist sind. Die Apartheid ist offiziell zwar vorüber, aber die Strukturen dieser Zeit haben sich seither immer noch fortgesetzt und repliziert.

Zur Person

Die 24-jährige Wirtschaftspsychologie-Studentin aus Jaderberg Merle Grabmaier verbringt seit Februar ihr viertes und letztes Mastersemester in Bloemfontein in Südafrika. In ihrer vorlesungsfreien Zeit verbrachte sie einige Wochen in dem größten Township des Landes, Soweto. Merle Grabmaier: „In Soweto bei Johannesburg leben mehrere Millionen dunkelhäutige Menschen meist weit unter der Armutsgrenze, in Blechhütten ohne Strom oder fließend Wasser – während rund 30 Kilometer weiter nördlich, in Johannesburg, die Straßen mit Oberklassewagen gesäumt sind.“

Enos Mafokate hat durch seinen persönlichen Einsatz unter schwierigsten Bedingungen eine kleine Oase geschaffen, um Kindern eine Tür zu öffnen, sie im Umgang mit Pferden auszubilden und ihnen Verantwortung zu übertragen – einzig ermöglicht durch Sach- und Geldspenden. Sich um ein Tier kümmern zu können, so angenommen zu werden wie sie sind und neue Dinge zu lernen lässt diese Kinder aufblühen und beweist, dass jeder Beitrag zu einer Gesellschaft einen Unterschied machen kann.

Ich habe in meiner Zeit in Soweto unglaublich liebenswerte und inspirierende Menschen kennengelernt, die trotz großer Hürden in ihrem Leben, nie aufgegeben haben und mich mit offenen Armen aufgenommen haben – ganz ohne Vorbehalte oder Misstrauen.

Durch meinen Aufenthalt bei der Familie von Enos Mafokate und der Zeit in Soweto ist mir bewusst geworden, was für einen privilegierten Start ins Leben ich hatte – mit dieser Erkenntnis geht dann auch die Frage einher, was diese Privilegien für Pflichten mit sich bringen und welchen Beitrag jeder Einzelne leisten kann und muss, um diese Welt ein kleines bisschen besser zu machen – ganz egal ob in Jaderberg oder Afrika, Möglichkeiten dazu gibt es etliche, also: tun wir was!

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