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NWZonline.de Region Wesermarsch Bildung

Wenn’s in der Familie nicht mehr geht

16.05.2019

Nordenham „Ich weiß gar nicht, wie viele Menschen ich umarmt habe“, berichtet Ina Bartels. Für sie und ihre Kollegen war es ein ganz besonderer Tag. Für ihre ehemaligen Schützlinge auch. Ina Bartels arbeitet bei der Caritas und leitet die Wohngruppe für Jugendliche in Nordenham. In diesem Haus an der Schulstraße kommen Jugendliche unter, die nicht das Glück haben, sich in einer funktionierenden Familie entwickeln zu können.

Seit 25 Jahren

Seit 25 Jahren gibt es die Wohngruppe. In dieser Zeit sind hier rund 120 Kinder und Jugendliche untergekommen. Rund 40 von ihnen sind jetzt zu einem Ehemaligentreffen wiedergekommen, teilweise mit Partnern und Kindern. Jeder von ihnen hat eine Lebensgeschichte mitgebracht. Und viele dieser Geschichten sind für die Pädagogen in der Einrichtung eine Bestätigung dafür, dass sie eine ganze Menge richtig gemacht haben.

Die Nordenhamer Wohngruppe ist aus dem 1915 gegründeten St.-Vinzenz-Kinderheim hervorgegangen. In dem Gebäude an der Viktoriastraße befindet sich heute das Mehrgenerationenhaus. Seit 1990 waren solche Heime allerdings nicht mehr erwünscht. Sie wurden aufgelöst. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz machte die Vorgabe, die Gruppen in „normaler Wohnumgebung“ unterzubringen. Und so entstand im Mai 1994 die Nordenhamer Wohngruppe der Caritas zunächst in einem Einfamilienhaus in Blexen. 2002 zog die Gruppe in die Schulstraße um, mitten in der Stadt.

Was ist aus den Ehemaligen geworden? Eine spannende Frage, auf die das Team beim Jubiläumsfest viele Antworten bekam. Die meisten der früheren Schützlinge gehen inzwischen einem Beruf nach. Viele sind verheiratet und haben selbst Familien gegründet. Der Schritt in die Selbstständigkeit gelingt nicht immer auf Anhieb. Ina Bartels weiß, dass einige Ehemalige nach ihrer Zeit in der Wohngruppe noch eine Weile brauchten, um ihr Leben in den Griff zu kriegen. Einige sind straffällig geworden. Einige haben Zeit im Gefängnis verbracht. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

In der Wohngruppe kümmern sich aktuell sechs Pädagogen um die Jugendlichen. Hinzu kommen eine Hauswirtschafterin und ein Hausmeister. Als Beraterin steht diesem Team eine Psychologin zur Seite. Ein Großteil der Besetzung ist seit den Anfangsjahren dabei.

In der Gruppe gibt es zehn Zimmer für Jugendliche. Im Dachgeschoss befindet sich ein kleines Appartement. Hier kann einer der älteren Schützlinge den Schritt in die Selbstständigkeit üben. Zurzeit sind alle Plätze in der Wohngruppe belegt. Drei Jungen und sieben Mädchen leben in der Einrichtung. Sie sind überwiegend zwischen 14 und 17 Jahre alt.

Zugewiesen werden die Jugendlichen vom Jugendamt des Landkreises. Sie kommen in der Regel aus Familien, in denen es häufig kracht. Oftmals sind die Eltern zerstritten. Rolf Schnieders, der bei der Caritas den Fachbereich Kinder, Jugend und Familie leitet, spricht von „schwerwiegenden Problemlagen“. Einige der Jugendlichen sind Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden. Einige haben Drogenerfahrungen gemacht oder sind Schulverweigerer.

Das letzte Mittel

Die stationäre Unterbringung ist das letzte Mittel in dem Instrumentarium, das dem Jugendamt zur Verfügung steht, um Hilfe zur Erziehung zu leisten. Manchmal sind die Probleme so schwerwiegend, dass die stationäre Unterbringung außerhalb der gewohnten Umgebung stattfindet. In der Regel soll das aber vermieden werden. Bevor ein Jugendlicher in einer Wohngruppe landet, sind oftmals schon andere Maßnahmen, zum Beispiel eine Erziehungsbeistandschaft, erfolglos abgebrochen worden. Aktuell erhalten in der Wesermarsch 676 Kinder und Jugendliche Hilfen zur Erziehung. 71 von ihnen sind junge Volljährige. Sascha Stolorz, der Leiter des Jugendamtes, sagt, dass 350 bis 400 Kinder stationär untergebracht sind, in Pflegefamilien oder in Wohngruppen.

„Wir gehen mit ihnen durch Dick und Dünn“, sagt Christian Banditt vom Pädagogen-Team der Nordenhamer Wohngruppe über die Arbeit mir den Jugendlichen. „Unsere Jugendlichen sollen später einmal sagen können: Ich habe eine Phase erlebt, in der Menschen an mich geglaubt haben.“ Mit diesen Worten umschreibt Rolf Schnieders den Ansatz seiner Kollegen. „Wir machen ein Beziehungsangebot, wir wollen verlässlich da sein.“ Die Kinder bei der Identitätsbildung und bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, darum geht es, verdeutlicht Jürgen Sandker, der im Jugendamt für soziale Dienste verantwortlich ist.

Meistens bleiben die Jugendlichen etwa zwei bis vier Jahre in der Wohngruppe. Und in der Regel können sie an den Wochenenden und in den Ferien zu ihren Eltern. Elternarbeit ist ein wichtiger Bestandteil. Es finden regelmäßig Elterngespräche statt. Und wenn sich die familiäre Situationen entspannt, können die Jugendlichen auch wieder zurück zu ihren Familien.

Der Alltag in der Wohngruppe ist vergleichbar mit dem in einer großen Familie. Nach dem Frühstück gehen die Kinder zur Schule. Nach dem Mittagessen werden Hausaufgaben gemacht. Dann haben die Jugendlichen Freizeit. Wichtigste Mahlzeit ist das Abendessen, weil dann in der Regel alle da sind. Je nach Alter ist festgelegt, wer wann im Haus oder im Bett sein sollte. Ein 15-Jähriger zum Beispiel muss in der Woche spätestens um 21 Uhr wieder in der Gruppe sein, ab 22 Uhr ist für ihn Bettruhe.

Gut aufgehoben

Natürlich ist auch das Zusammenleben in der Wohngruppe nicht immer frei von Konflikten. Wie in einer ganz normalen Familie gibt es Reibungspunkte. Jürgen Sandker hat die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen in der Wohngruppe der Caritas gut aufgehoben sind. „Ich bin manchmal erstaunt darüber, wir ruhig hier mit Jugendlichen gearbeitet wird, die von sich aus schon sehr viel Unruhe mit sich bringen.“

Ein schönes Kompliment für die Mitarbeiter in der Einrichtung. Noch schöner ist da höchstens das Echo der Ehemaligen. Auf ihren Lebensabschnitt in der Wohngruppe angesprochen, antworteten die meisten, dass es eine gute und prägende Zeit für sie war, erzählt Rolf Schnieders. „Viele berichteten, dass sich das Wiedersehen ein bisschen so anfühlt, als wenn man nach Hause kommt.“

Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
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