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NWZonline.de Region Wesermarsch Blaulicht

Die Bilder werden sie nicht mehr los

01.02.2018

Butjadingen Der Bericht der Schnellen Einsatzgruppe (SEG) der DLRG Butjadingen vom 29. Oktober vergangenen Jahres liest sich wie das Drehbuch eines TV-Thrillers. Er beschreibt ein Horrorszenario. Doch es war ganz real.

Die schrecklichen Bilder aus jener Nacht haben sich in den Köpfen von Oliver Köhler und Kai Bahlmann regelrecht festgefressen. Die beiden waren zwar „nur“ zwei Helfer von vielen, doch sie waren plötzlich die, auf die alle Augen gerichtet waren. Um Leben zu retten, riskierten sie unter dramatischen Umständen ihr eigenes. So etwas möchten sie nie wieder erleben, sagen Oliver Köhler und Kai Bahlmann heute. Und doch bleiben sie weiterhin ihren Idealen treu, wollen helfen und wollen schützen. Ohne Wenn und Aber kann die DLRG also auch künftig jederzeit auf sie zählen!

Das Sturmtief „Herwart“ brachte der Nordseeküste in der Nacht eine schwere Sturmflut. Um 4.21 Uhr ging bei der Großleitstelle der Notruf eines Mannes ein: Sein VW-Bulli, so meldete er, sei von der stark ansteigenden Flut erfasst worden. Dann brach der Funkkontakt ab. Ein Rückruf blieb zwar erfolglos, doch eine flugs eingeleitete Handyortung verwies auf den Bereich des Strandbades Sehestedt. Sofort alarmierte die Leitstelle die DLRG.

Es war 4.57 Uhr, als der Pieper von Oliver Kähler Alarm gab. „Pkw im Watt, Person in Pkw, Pkw läuft voll,“ hieß es knapp. „Da wird einem schon richtig mulmig,“ erzählt Oliver Kähler über jene Nacht. Also raus aus dem Bett! Rein in die Klamotten! Keine Viertelstunde später rückte in Stollhamm die zwölfköpfige DLRG-Einheit mit drei Fahrzeugen unter Blaulicht aus. Als Oliver Kähler und Kai Bahlmann wenig später in Sehestedt über den Deich schauten, blickten sie in ein schwarzes Loch. Der ohrenbetäubende Lärm der tosenden Brandung verhieß nichts Gutes. Ihnen war augenblicklich bewusst: Da müssen sie jetzt rein – der eine als Bootsführer, der andere als Rettungsschwimmer. Nur sie beide, völlig auf sich gestellt, mehr Platz bot das Schlauchboot nicht. Und auch Licht gab es nicht, denn Strahler ließen sich nicht montieren und alle vier Hände waren bitter nötig um zu manövrieren.

Boot verletzt Helfer

Zunächst wollten sie von der Deichdrift aus das leichtere Rettungsboot „Butje“ zu Wasser lassen, doch schon die erste heftige Sturmböe schlug es beim Abgurten um und verletzte einen Helfer. Die „Heete“ war die richtige Alternative – ein Boot sowohl mit stärkerem Motor, um Wind, Wellen und der Strömung besser trotzen zu können, als auch mit einem Alu-Rumpf als Schild gegen überflutete Zäune, die den Boden des Boots hätten aufschlitzen können.

Anderthalb Stunden lang kreuzten die beiden Helfer unermüdlich im aufgewühlten Meer, riefen und schrien gegen den Sturm an. Dann plötzlich nahmen sie die Umrisse eines Menschen wahr. Er hatte sich an einem Pfahl festgekrallt. Mit dem Boot bis an den Pfahl heranzufahren war ihnen nicht möglich, da es sich nur schwer manövrieren ließ. Also gebührend Abstand halten! Sich mit einem Seil abzusichern, schien ihnen ebenso gefährlich. Also sprang Kai Bahlmann ohne auch nur einen Moment zu zögern ins Wasser und schwamm gegen die sich türmenden Wellenberge an. Am Pfahl hakte er dem zitternden, 59 Jahre alten Mann unter und kämpfte sich zurück zum Boot. Die zehn Minuten im Wasser kamen ihm schier unendlich lang vor.

Zurück an Land stammelte der Mann: „Mein Bruder!“ Also noch einmal zurück ins Boot. Den beiden Rettern gelang es, bis an den Bulli herankommen, den sie inzwischen 500 Meter vom Deich entfernt lokalisiert hatten, und schlugen die Heckscheibe ein.

Doch im Innern gab es keinen Hinweis auf einen zweiten Mann. Also kehrten sie um. Gleichzeitig suchten Einsatzgruppen der Feuerwehr den Deichfuß ab, und ein Hubschrauber scannte das Gebiet mit einer Wärmebildkamera. Und tatsächlich: An einem Zaun machten die Marineflieger einen leblosen Körper aus. Sie markierten die Stelle durch eine Rauchpatrone, nahmen dann die beiden Wasserretter am Deich auf und seilten sie über dem ausgemachten Ort wieder ab.

Schreckliche Nachricht

Oliver Köhler und Kai Bahlmann schnitten die Person aus dem Drahtgeflecht und setzten sie in den Rettungskorb. Sie selbst quälten sich zu Fuß mühsam am Zaun entlang 800 Meter weit durch hüfthohes Wasser bis hin zur Sammelstelle.

„Unsere Kräfte waren am Ende, und unsere Nerven lagen blank,“ erinnern sie sich noch gut an jene letzten Minuten ihres gefährlichen Einsatzes. Und sie erinnern sich auch an den schrecklichen Moment, als ihre Kameraden ihnen erzählten, dass der Notarzt beim 63-jährigen Bruder nur noch den Tod habe feststellen können.

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