• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Kontakt
  • Werben
NWZonline.de Region Wesermarsch Blaulicht

Hebamme dringend gesucht!

08.11.2017

Elsfleth /Wesermarsch „Hebamme dringend gesucht – wer kann mir einen Tipp geben?“ Diese Frage mit verzweifeltem, dringlichem Unterton taucht häufiger in den Sozialen Netzwerken auf. Sie kommt von schwangeren Frauen, die Hilfe in der Geburtsvorbereitung oder für die Zeit im Wochenbett suchen. Und zu oft keine finden.

Der Name von Anja Ullrich wird in der Wesermarsch als Tipp genannt. Sie ist Hebamme aus Oberhammelwarden, ist vorrangig in der südlichen Wesermarsch im Einsatz und sagt: „Eigentlich bin ich bis zum nächsten Sommer ausgebucht.“ Mit diesem einen Satz ist schon alles zum Dilemma gesagt. Es gibt schlichtweg zu wenige Hebammen in der Region. Zu wenige im ganzen Land.

Dabei sollte der Beruf der Hebamme doch eigentlich einer der schönsten überhaupt sein: Die Hebamme als Teil dieses alles übertreffenden Glücksmoments für die Eltern, wenn ein Baby das Licht der Welt erblickt. „Ja. Es ist ein total schöner Beruf. Eine Geburt wird nie Routine, da fließt immer mal wieder eine Träne. Das ist auch das, was uns Hebammen im Beruf hält. Der Rest ist es nicht.“

Der Rest: Das sind die Konditionen, unter denen die Hebammen arbeiten. Und damit ist man bei der Antwort nach der Frage, warum werdende Mütter Probleme haben, eine Hebamme zu finden.

Hebammenarbeit

Die Schwangerschaft: Fragen zur Schwangerschaft, der bevorstehenden Geburt und dem Wochenbett werden von Hebammen beantwortet. Wie kann man sich auf die Geburt vorbereiten? Was hilft bei Schwangerschaftsbeschwerden? Auch Vorsorgeuntersuchungen können gemäß der Mutterschaftsrichtlinien von einer Hebamme anstelle eines Gynäkologen durchgeführt werden.

Die Geburt: In Deutschland gilt: Bei jeder Geburt muss eine Hebamme anwesend sein. Läuft alles komplikationslos, leitet die Hebamme die Geburt in Eigenverantwortung. Wo Frauen entbinden, entscheiden sie in der Theorie selbst. Es gibt in der Region aber keine Hebamme mehr, die eine Hausgeburt begleitet.

Das Wochenbett: Die Hebamme beobachtet, ob sich das Baby zu Hause gut entwickelt, ob die Geburtsverletzungen der Frau heilen und die Rückbildung gut verläuft. Sie gibt Tipps zum Stillen, zur Säuglingspflege und zur Ernährung.

Eine Liste der Hebammen in der Wesermarsch gibt es unter

Eine Liste der Hebammen in der Wesermarsch gibt es unterhttp://www.landkreis-wesermarsch.de/uploads/files/hebammenflyer-neu-internet-juli-2017.pdf

Rund 2000 Euro Nettoeinkommen – abzüglich der hohen Versicherungsbeiträge, die der Beruf mittlerweile mit sich bringt: Das sei ungefähr das maximale Einkommen, mit dem eine Hebamme rechnen kann, die mit einer halben Stelle in der Geburtshilfe in einer Klinik arbeitet und gleichzeitig selbstständig ist, um die Schwangerschaftsbegleitung und die Wochenbettbetreuung von Frauen zu übernehmen und um beispielsweise Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse anzubieten. Und das Ganze im Schichtdienst und verbunden mit der Bereitschaft, rund um die Uhr auf Abruf zu sein. Denn: Kinder kommen zur Welt, wann es ihnen passt. Und für Probleme in der ersten Zeit mit dem Säugling zu Hause, gibt es leider auch keinen Zeitplan. „Ich sage so oft abends beim Essen: Ich muss noch mal schnell weg“, erzählt Anja Ullrich.

„Nie richtig Feierabend“

Auch wenn sie die ganze Nacht im Kreißsaal im Krankenhaus in Bremen Nord gearbeitet hat, muss sie morgens oft gleich weiter zu einer Mutter, die beispielsweise Schwierigkeiten beim Stillen hat oder ein Baby, das schreit und sich nicht beruhigen lässt. „Man hat fast nie richtig Feierabend, ist immer erreichbar“, erzählt Anja Ullrich: „Ein Arbeitstag hat schnell 12 bis 14 Stunden.“

Kommentar von Anja Biewald

Gegen die Wand

Alle Eltern wissen, wie wichtig und wertvoll die Arbeit einer guten Hebamme ist. Hebammen geben werdenden Eltern Antworten, sie geben Sicherheit, Rat und sie sind Vertraute. Das Wohl von Kind und Mutter ist für sie das Maß aller Dinge. Sie schlagen Alarm bei gesundheitlichen Problemen oder wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Und trotzdem wird dieser Berufsstand gegen die Wand gefahren. Durch horrend gestiegene Beiträge für die Haftpflichtversicherung im Bereich der Geburtshilfe zum Bespiel. Durch unattraktive Arbeitsbedingungen, durch die Hebammen ihre eigene Familie und ihre Arbeit kaum unter einen Hut bringen können. Die Folgen: Hausgeburten sind eigentlich abgeschafft, Beleghebammen gibt es kaum noch. Und Frauen fangen am besten gleich mit dem positiven Schwangerschaftstest damit an, eine Hebamme für die Zeit nach der Entbindung zu suchen. Und selbst dann können sie sich nicht sicher sein, eine zu finden.

Hebammen fehlt eine starke Lobby. Sie sind zu wenige und sie bekommen keine breite Unterstützung in der Gesellschaft im Kampf um diesen Berufsstand.

Gerade auf dem Land zeigen sich die Auswirkungen dieser Entwicklung: die Versorgung in der Fläche ist nicht mehr selbstverständlich. Dabei ist Hebammenarbeit alternativlos, sie kann weder von Kinderärzten noch von Gynäkologen übernommen werden. Hebammenarbeit muss sich auszahlen.

Die Autorin erreichen Sie unter

Auch von der Büroarbeit bleiben die Frauen nicht verschont: Umfangreiche Dokumentationen, Qualitätskontrolle, Abrechnungen, Kursplanung. Dazu kommt die Abstimmung der Hebammen in der Wesermarsch untereinander: Wer kann wann in den Urlaub gehen oder die Vertretung für eine Kollegin übernehmen? „Wir versuchen, dass alles so gut es geht zu regeln. Aber eine Hebamme zu finden, ist im Moment nicht leicht. Vor allem in der südlichen Wesermarsch wird es eng. Für die Frauen tut mir das leid“, so die 42-Jährige. Eine Hebamme für eine Hausgeburt zu finden, ist in der Wesermarsch gar unmöglich: Die Haftpflichtversicherungsbeiträge für dieses Berufsrisiko sind zu hoch.

Ullrich arbeitet seit 1998 als Hebamme: „Jetzt kommt die Phase, in der ich die Kinder der Kinder aus meinen ersten Berufsjahren erlebe. Das ist schön“, so die Oberhammelwarderin, die selbst Mutter von zwei Kindern ist.

Wo sieht die 42-Jährige die Zukunft ihres Berufsstandes? „Die Ausbildung soll akademisiert werden und künftig an Hochschulen stattfinden“, erklärt Anja Ullrich. Damit sei die Hoffnung verbunden, dass wieder mehr Interessierte diesen Beruf erlernen wollen. Ob damit die Entwicklung, dass es immer weniger Hebammen gibt, zu stoppen ist? Das bleibt abzuwarten. Aber die Arbeit hat sich schon jetzt verändert: „Die Hebammen gehen vermehrt ins Angestelltenverhältnis zurück oder gründen Gemeinschaftspraxen“, sagt Ullrich: „Wir fühlen uns in Richtung Praxisarbeit gedrängt.“ Die Konsequenz: Das Konzept der Hausbesuche wird zerschlagen.

Dabei hat sich gerade das bewährt: Denn im Wochenbett gibt es immer noch Beschwerden, die Frauen sind körperlich erschöpft, bekommen kaum Schlaf und der Alltag mit dem Baby hat sich noch nicht eingespielt. Ullrich: „Wenn heute eine Frau ihr erstes Kind bekommt, hat sie häufig das erste Mal im Leben ein Baby im Arm. Früher gab es Großfamilien. Da gab es immer viele Kinder und erfahrene Frauen, diese Unterstützung fällt heute weg.“ Deshalb wird es auch weiter heißen: „Hebamme dringend gesucht.“ Und immer häufiger: leider nicht gefunden.