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NWZonline.de Region Wesermarsch Blaulicht

Ein Segler wird zum Menschenfischer

08.11.2017

Kleinensiel Um Flüchtlinge hat Michael Hafemann bisher einen großen Bogen gemacht, wenn er mit seinem Boot „Seawitch“ auf dem Mittelmeer unterwegs war. Was sollte ein Segler allein oder in Begleitung auch tun, wenn ein völlig überfülltes Schlauchboot mit Menschen in höchster Not am Horizont auftaucht? Aber mit vielen anderen Helfern zusammen kann der Kleinensieler etwas für Flüchtlinge unternehmen.

Und genau das macht er jetzt. Der Segler Michael Hafemann wird zum Menschenfischer. Am Sonnabend geht er an Bord der „Seefuchs“, die von Valetta auf Malta aus Kurs auf die libyschen Gewässer nimmt. „Das ist kein Abenteuer, sondern eine humanitäre Aktion“, sagt der 60-Jährige, der in Ellwürden aufgewachsen ist.

Doch jetzt, Stunden bevor es losgeht, wird ihm immer klarer, dass auch Mitmenschlichkeit Aspekte des Abenteuerlichen haben kann. Wie stark sind die Passagiere auf den Schlauchbooten traumatisiert? Tragen sie Krankheitskeime in sich? Was wird wirklich geschehen, wenn auf hoher See die erste Nussschale mit menschlicher Fracht in Sicht kommt?

Ohne Schwimmwesten

Dass es im Herbst stärker stürmt als im Sommer, weiß Michael Hafemann nur zu gut. Seit Jahrzehnten ist er mit seinem zwölf Meter langen Segelboot auf Mittelmeer und Atlantik unterwegs, vorzugsweise in der warmen und ruhigeren Jahreszeit. Doch immer hat er die Rettungsausrüstung an Bord, die er in der Not braucht: Schwimmwesten, die Mann-über-Bord-Boje und einen kleinen elektronischen Notsender.

Davon können Flüchtlinge nur träumen. Kaum einer trägt eine Schwimmweste, fast keiner kann schwimmen. Wer auf dem schwankenden Gummiboot von Bord fällt, ist verloren.

Und deshalb ging Michael Hafemann das Gespräch mit Mitgliedern der Organisation Sea-Eye nicht aus dem Sinn, das er im vergangenen Herbst auf der Messe Hanseboot in Hamburg geführt hatte, wo er sich eigentlich nach Neuigkeiten für seinen nächsten Törn umsehen wollte. Sea-Eye hatte dort ein Schlauchboot präsentiert, wie es Schlepper den Flüchtlingen für die Überfahrt geben.

Zwei alte Kutter

Der Verein ist im Oktober 2015 entstanden und zählt jetzt 340 Mitglieder. Der Gründer Michael Buschheuer ist 40 und betreibt in Regensburg ein Unternehmen für Korrosionsschutz. Wie Michael Haferkamp hat auch seine Familie eine Yacht im Mittelmeer liegen, teilt der Pressesprecher Hans-Peter Buschheuer mit, der ein Onkel des Gründers ist.

2014 nahm Michael Buschheuer großen Anteil an der Aktion „Mare nostrum“ („Unser Meer“), während der die italienische Küstenwache rund 150 000 Menschen vor dem Ertrinken rettete. 2015 wurde die Aktion auf Druck der EU eingestellt, die einen Sogeffekt befürchtete. Doch auch ohne die Rettungsaktion schwoll der Flüchtlingsstrom nicht ab.

Aber es ertranken viel mehr Menschen. Das fand Michael Buschheuer unerträglich, gründete Sea-Eye und fuhr im Frühjahr 2016 mit einem umgebauten DDR-Fischkutter unter dem gleichen Namen ins Mittelmeer. Anfang 2017 folgte ein zweiter ehemaliger Fischkutter, ebenfalls aus DDR-Produktion: die „Seefuchs“.

Und auf der checkt Michael Hafemann ein – zusammen mit acht anderen Freiwilligen, die er erst beim Einsatz kennenlernen wird. Logis im gemeinsamen Schlafraum und Kost sind frei, die restlichen Kosten müssen alle selbst bezahlen. Zwei Wochen bleibt die Crew der Freiwilligen an Bord. „Spartanisch“ nennt der Kleinensieler die Ausstattung auf dem Schiff, das mit 26 Metern nur gut doppelt so lang wie sein Segelboot, das in den kühleren Monaten in einem kleinen Hafen an der Ostküste Sardiniens überwintert.

Starker Seegang

Der Seegang wird gelegentlich heftig sein, aber das macht Michael Hafemann nichts aus. Er wird an Bord als Nautiker und für die Wachen gebraucht. Dass ein so kleines Schiff nicht mal eben 100 oder mehr Flüchtlinge aufnehmen kann, ist übrigens kein Problem, denn die „Seefuchs“ gibt die Position des Flüchtlingsbootes nur an die Rettungszentrale MRCC in Rom weiter, die dann alles weitere einleitet. Außerdem stattet die Besatzung der „Seefuchs“ die Flüchtlinge mit Schwimmwesten aus und reicht ihnen Trinkwasser, das oft dringendst gebraucht wird. Akut Kranke oder Verletzte werden an Bord genommen und von einem der Ärzte betreut, die unter den Freiwilligen sind. So hat der Verein nach eigenen Angaben bislang 13 000 Menschenleben gerettet.

Michael Hafemann hat klare Vorstellung davon, was aus den Flüchtlingen werden sollte: „Sie müssen auf alle Länder der EU verteilt werden, das darf nicht nur einigen wenigen überlassen bleiben.“ Die eigentliche Lösung des Flüchtlingsproblems liege aber in den Herkunftsländern, betont er: „Die Menschen müssen in ihren Dörfern bleiben und dort satt werden und in Würde leben können.“ Der Weg dahin ist aber viel weiter als der zur „Seefuchs“.

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