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NWZonline.de Region Wesermarsch Blaulicht

Gleise in Rodenkirchen sind kein Spielplatz oder Bühne

11.01.2019

Rodenkirchen Als der Regionalzug aus Nordenham in den Bahnhof Rodenkirchen einläuft, liegen neben den Gleisen ein leuchtend blauer Schlafsack und eine dunkelgraue Tasche. Das wirkt unordentlich. Manchmal liegt aber auch etwas auf den Gleisen, beispielsweise ein Stein aus dem Gleisbett. Und das kann gefährlich werden.

Darauf weisen zwei Beamte der Bundespolizei an den letzten beiden Werktagen dieser Woche alle rund 330 Schüler der Oberschule Rodenkirchen hin. In sämtlichen 16 Klassen klären sie jeweils über die Gefahren falschen Verhaltens am Bahnhof auf – bevor etwas Schreckliches passiert.

Angst um Schüler

Denn es sind Oberschüler, die den Bahnhof als Spielplatz für sich entdeckt haben. Sie sitzen auf der Bahnsteigkante und lassen ihre Beine baumeln, während sie Kopfhörer im Ohr haben, sie werfen Griffelmappen ihrer Kameraden auf das Gleis – oder eben Steine. Und sie turnen herum. „Ich habe Angst um meine Schüler“, sagt die Rektorin Anja Bode.

Erstmals war dieses Verhalten im Spätsommer Mitarbeitern des Jugendzentrums (Juz) aufgefallen, das an den Gleisen liegt. Sie wiesen die Schüler auf ihr gefährliches Verhalten hin, aber die Schüler waren zumindest in einem Punkt schlau: Sie wussten, dass Juz-Mitarbeiter ihnen außerhalb des Jugendzentrums nichts zu sagen haben.

Die Schüler erklärten dem Juz-Leiter Marek Kandzia, sie wüssten, wann die Regionalzüge aus Richtung Bremen und aus Richtung Nordenham kämen. Was viele Schüler offensichtlich nicht wussten: Es fahren auch Güterzüge durch Rodenkirchen – und das nicht selten mit hohem Tempo. Wer Kopfhörer auf den Ohren hat, bekommt möglicherweise gar nicht mit, dass sich ihm ein solches Ungetüm nähert.

Weil Marek Kandzia mit der direkten Ansprache der Schüler nicht weiterkam, informierte er die Polizei, die wiederum die Schulleiterin informierte, die ihrerseits den Präventionsrat einschaltete und einen Brief an die Eltern abschickte, den die Schüler unterschrieben zurückbringen mussten.

Dann ging alles ganz schnell. Katja Kohnert, die Vorsitzende des Präventionsrates, informierte die Bundespolizei, die für die Sicherheit auf den Gleisen zuständig ist, und am 12. Dezember fand in der Rodenkircher Polizeistation ein Vorgespräch mit dem Leiter Frank Schill und Daniel Hunfeld statt, der im Oldenburger Revier der Bundespolizei für die Einsatzplanung zuständig ist. Kaum vier Wochen später kamen zwei Präventionsbeamte der Bundespolizei in die Oberschule: Hermann Lampen von der Bundespolizei-Inspektion in Bad Bentheim und Carsten Weigand von der Außenstelle in Emden.

Am Donnerstag und Freitag weisen sie alle Schüler auf die Gefahren hin, die an Bahnsteigen lauern. Steine, die Schüler vor dem heranfahrenden Zug auf die Gleise legen, können zersplittern und damit eine große Gefahr für alle Umstehenden bedeuten. Ein solcher Vorfall war in Rodenkirchen auch der Anlass für die Präventionsstunden gewesen. Besonders warnten die beiden Beamten vor der gerade bei Schülerinnen verbreiteten Unsitte, vor dem herannahenden Zug im Gleisbett Selfies zu machen oder gar Live-Videos zu streamen. „Diese Altersklasse ist vom Internetkanal Youtube geprägt“, erläutert Carsten Weigand. Einige sehen das Gleisbett wohl als eine Art Bühne.

1000 Meter Bremsweg

Sein Kollege Hermann Lampen ergänzt: „Viele Schüler wissen, dass Züge einen längeren Bremsweg haben als Autos, aber kaum einer weiß, dass dieser Bremsweg durchschnittlich 1000 Meter lang ist.“

In eine Art Schockzustand versetzte die Schüler aber einer der beiden Filme, die die beiden Präventionssachverständigen mitgebracht hatten. Darin wurden die oft grausigen Folgen einer weiteren Unsitte plastisch geschildert: Immer wieder steigen Jugendliche und junge Erwachsene auf Waggons, um dort oben Selfies oder Live-Videos zu schießen. Dabei unterschätzen sie völlig die 15 000-Volt-Starkstromleitungen, aus denen die Züge angetrieben werden.

Der Starkstrom springt aus 1,50 Meter Entfernung über, bei dem derzeitigen feuchten Wetter sogar schon aus zwei Metern Entfernung, erläuterten die beiden Bundespolizeibeamten.

Verbrannte Haut

Zwar halten in Rodenkirchen keine Güterzüge, weshalb sie auch nicht bestiegen werden können, aber in Nordenham sind erst vor knapp fünf Jahren junge Erwachsene Opfer ihres Leichtsinns geworden. Der Film schildert unaufgeregt, aber eindringlich das Schicksal der 23-jährigen Vanessa, die vor zwei Jahren auf einen Waggon geklettert ist. Durch den Stromschlag verbrannte ein großer Teil ihrer Haut. Fünf Operationen waren erforderlich, viele Narben blieben zurück. Weil Vanessa weder Alkohol noch illegale Drogen konsumiert hatte, übernahmen die Versicherungen einen Großteil der erheblichen Kosten.

Atemlos hörten die Schüler zu, als Vanessas Mutter davon berichtete, wie das Rote Kreuz sie von dem Unglück informierte.

Vanessas Verwandte reagierten dagegen eher mitleidlos: „Es war kein Unfall, sie war selbst schuld.“

Nachdenklich stimmte die Schüler auch ein nachrichtlicher NDR-Fernsehbericht über einen zwölfjährigen Jungen, der in Delmenhorst auf einen Waggon geklettert war: Er habe überlebt, hieß es. Dann wurde der Junge gezeigt: im Rollstuhl – mit einem amputierten Arm und zwei amputierten Unterschenkeln. Nach dem Stromschlag hatte er noch schwer verletzt 15 Minuten auf Waggon gelegen: So lange dauerte es, bis die Oberleitung ausgeschaltet war.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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