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Serie (Fast) vergessene Plätze Der Affe und die verlorenen Stollen

Hergen Hadeler

Einswarden - Der ehemalige Deichsportplatz der Fußballer des TuS Einwarden war früher ein markanter Ort im Nordenhamer Stadtnorden. Nahe der Klinkerpflasterung der Straße am Deich gelegen, galt die Sportanlage als Treffpunkt für jung und alt.

Die Anfänge

Im Jahre 1919 wurde aus einer Arbeiterbewegung der damaligen Frerichs-Werft – heute Premium Aerotec – der SV Vorwärts Einswarden gegründet. Die Fußballer nabelten sich zwei Jahre später ab und gründeten den TuS Einswarden.

Im Jahre 1933 verbot das Nazi-Regime den Verein. Die Fußballer mussten sich dem Blexer TB anschließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es 1946 zur Neugründung: Erst als SV Einswarden im Vereinsregister eingetragen, folgte sehr schnell die Umbenennung. Der SV Einswarden wurde zum TuS Einswarden.

Der 95-jährige Enno Wilkens erinnert sich an die frühen Zeiten des Deichsportplatzes. „In den 1930er-Jahren hatten wir als Kinder der Schule Ost in der Heiligenwiehmstraße auf dem Deichsportplatz Sportunterricht. Ich habe in unmittelbarer Nähe des Platzes gewohnt und seit Anfang der 1950er-Jahre beim TuS in der Ersten als Rechtsaußen gespielt.“

DAs Duell mit St. Pauli

Wilkens blickt mit großer Freude auf das Pokalspiel des Norddeutschen Fußballverbandes gegen den damaligen Erstligisten FC St. Pauli im Jahr 1952 zurück: „Unser Sportplatz wurde von 3000 Zuschauern aus Nah und Fern besucht. Es herrschte ein tolle Atmosphäre. Wir haben uns zwar gut aus der Affäre gezogen, doch gegen St. Pauli war bei der 0:3-Niederlage kein Kraut gewachsen.“ In der ersten Runde hatte der TuS den SV Eintracht Osnabrück mit 3:1 bezwungen.

Frauenfußball

Beim TuS Einswarden gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren auch Frauenteams. Zu den Spielerinnen zählte auch Monika Onken. „Wir hatten eine gute Mannschaft und wurden von den Männern anfangs belächelt“, sagt sie. „Aber das änderte sich jedoch schnell. Auch wir waren eine verschworene Gemeinschaft.“ Trainiert wurden die Fußballerinnen damals von Horst Wulf.

Manche Spielerin trägt noch heute Schlacke unter der Haut. Das Team nahm neben den Punktspielen häufig an Turnieren teil und erhöhte damit den Bekanntheitsgrad des Vereins. Spielführerin war Marlies Strauch: „In meiner ganzen Zeit als aktive TuS-Fußballerin habe ich von elf Strafstößen keinen verschossen“, sagt sie.

Der Platz

Der ehemalige TuS-Fußballer Günter Bechstein (83) erinnert sich daran, dass er noch auf Rasen gespielt hat. „Zunächst war das Spielfeld eine Wiese. Da diese sehr matschig war, wurde nach und nach schwarze Schlacke aufgetragen.“ Enno Wilkens bestätigt das. Ulf Riegel sagt, dass der Platz Anfang der 1960er-Jahre mit roter Schlacke ausgebessert wurde. Danach blieb es bei der roten Schlacke.


Wilkens erinnert sich noch genau an seine Schuhe. „Das waren eher Straßenschuhe, an die wir Lederstollen mit Nägeln befestigt haben. Die Nägel wurden im Sohlenbett umgeschlagen und gepolstert. Das hielt nie lange. Deswegen lagen auf dem Feld stets viele Stollen.“

Der Platz am Deich war windgeschützt. Dafür sorgten die Pappeln rund um die Anlage. Wenn Zeit geschunden werden sollte, wurde der Ball schon mal in die Bäume gedroschen.

Spielte der TuS vor heimischer Kulisse, herrschte oftmals ein kleines Verkehrschaos. Heinz Völkers aus Nordenham stand beim TuS im Tor und erinnert sich: „Bei Heimspielen war die Straße am Deich beidseitig zugeparkt. Wenn zum Beispiel Concordia Suurhusen kam, sind die Ostfriesen mit zwei Bussen voller Fans angereist.“

Die Baracke

In der Baracke auf der Ost-Seite der Sportanlage zogen sich die Fußballer um. In dem Gebäude gab es auch einen Gastraum. „Die Baracke hatte während des 2. Weltkrieges sogar gebrannt und musste renoviert werden“, sagt Enno Wilkens. Die Platzwarte und Gastwirte „Opa“ Gröning, Günter Kulla und Günter „Maxe“ Kropla sind unvergessen.

Günter Diekmann (67) und Peter Schultze (60) sind der Jugend des TuS entsprungen und haben über den OSC Bremerhaven den Sprung in den Profi-Fußball geschafft. Als Kinder hätten sie häufig im langen Flur der Baracke gewartet und gehofft, dass ihnen die Erwachsenen Lollis oder Bonbons schenken, erzählen sie. Einem der Betreiber des Gastraumes habe ein kleiner Affe gehört, sagt Günter Diekmann. „Wir haben viel mit dem Tier gespielt.“

Wenn sie nicht am Deichsportplatz waren, spielten die Kinder auf dem Einswarder Marktplatz Fußball. „Da haben wir geübt, obwohl unser Spielfeld auf einem Gehwegkreuz lag“, sagt Peter Schultze.

Die Sanitäre Anlagen

Die sanitären Anlagen waren laut Peter Schultze pilzförmig angelegt. „Wir standen fast im Schulterschluss unter der Dusche.“ Horst Wulf (85), der lange im TuS-Vorstand war, betont, dass ein Boiler für warmes Wasser gesorgt habe. Und das war laut Wilkens keine Selbstverständlichkeit in den 1950er-Jahren. „Wir haben oft in Ostfriesland gespielt. Da gab es noch kalte Duschen.“

Gerd Hedemann (78), der auch im TuS-Vorstand engagiert war, lächelt, wenn er an das Gebäude denkt. „Der Weg von der Dusche zum Gastraum war wohl der kürzeste in allen mir bekannten Sportheimen. Nur eine Schiebetür hat die beiden Räume getrennt.“

Die Jugend spielte in Bremerhaven

Der Herrenbereich des TuS Einswarden war dem Kreisfußballverband Wesermarsch angeschlossen. Die Jugendteams kämpften dagegen im Bremer Verband gegen Teams aus Bremerhaven um Punkte.

Peter Schultze sagt: „Alles im Umfeld von bis zu drei Kilometern um den Fähranleger in Bremerhaven herum wurde zu Fuß abgegrast.“ Der ehemalige Einswarder Spieler Klaus Diekmann erinnert sich. „Wir hatten immer unsere Getränke und unser Essen mit dabei, da unsere Eltern finanziell nicht auf Rosen gebettet waren.“ Sein Cousin Günter Diekmann lächelt, wenn er zurückdenkt. „Nach Leherheide oder Surheide ging es mit dem Bus oder anfangs noch mit der Straßenbahn, Zustieg war bei Horten in der Fußgängerzone oder beim Hauptbahnhof.“

Der heutige Trainer und Teammanager des OSC Bremerhaven, Björn Böning, erinnert sich gut an seine Gastspiele in Einswarden. „Der Weg war auf der anderen Weserseite bis zum TuS-Platz sehr lang. Als Torwart musste ich die Bälle oft aus einem matschigen Graben fischen. Das einzig Gute war, dass wir in Einswarden selten verloren haben.“

Die Treppe

Auch die Treppe am Deich gegenüber der Sportanlage haben die früheren Einswarder Fußballer gut in Erinnerung. Klaus Diekmann und Jörg Süsens lachen, wenn sie über sie sprechen. In der Vorbereitung hätten sie die Treppe immer rauf und runter rennen müssen, bis die Beine schwer wurden. Laut Günter Diekmann gab es aber auch eine Möglichkeit zum Entspannen im kleinen Hafen am Schäfers Loch. „Da konnten wir im Sommer nach dem Training baden. Damals gab es dort noch einen Strand.“

Das Ende

Ende der 1980er-Jahre deutete sich an, dass der Platz bald weichen müsste. Ex-Vorstandsmitglied Kurt Winterboer (83) erklärt, warum: „Rhenus Midgard plante damals mit zusätzlichen Flächen im Gewerbepark Nord. Daraufhin hat das Unternehmen Ländereien für neue Spielfelder am Luisenhof erworben und diese zum Tausch angeboten.“

Die letzte Partie auf dem Deichsportplatz sahen die Fans am 2. Juli 1989: Der TuS Einswarden spielte gegen den VfL Brake. „Danach wurden die Spiele nur auf der neuen Anlage am Luisenhof angepfiffen“, sagt Winterboer.

Gunnar Emmert (55) spielte lange in der Jugend für den TuS. „Noch heute habe ich eine Träne im Auge, wenn ich am alten Gelände vorbeifahre“, sagt er. Der neue Sportplatz am Luisenhof fand nicht die Akzeptanz der Fans. Außerdem hatte der TuS Probleme mit der Jugendarbeit. 1994 fusionierte er mit der Fußball-Abteilung des SV Nordenham zum 1. FC Nordenham. 2019 wurde der TuS Einswarden neugegründet. Der Verein hat mittlerweile drei Mannschaften für die Punktspielrunde gemeldet.

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