ELSFLETH - Das Wasser kam immer näher. Drei Stunden vor dem üblichen Hochwasser hatten Hunte und Weser am 16. Februar 1962 den Elsflether Sand schon erreicht. Rolf Grabhorn wusste, dass etwas nie Erlebtes auf ihn und seine Familie zukam.
Der damals 22-Jährige lebte an diesem Tag, der in die Geschichte eingehen sollte, mit seinem Vater und seiner Stiefmutter auf dem Elsflether Sand in einem kleinen Wohnhaus. Die kleine Flussinsel wurde in jenen Stunden von Weser und Hunte förmlich „in die Zange“ genommen.
„Als das Wasser am Nachmittag trotz Ebbe nicht ablief, merkte ich, dass mein Vater sehr unruhig wurde“, erinnert sich Rolf Grabhorn beimNWZ
-Gespräch. In drei Wochen jährt sich die große Sturmflut zum 50. Mal. Die Nacht auf dem Elsflether Sand wird der heute 71-Jährige nie vergessen. „Langsam wurde es dunkel. Wir sahen zu, wie das Wasser immer stärker stieg.“ Stiefmutter Annemie versuchte in ihrer Verzweiflung, die Ritzen der Haustür mit Stofflappen abzudichten. „Plötzlich fiel der Strom aus. Auch eine telefonische Verbindung zum Festland war nicht mehr möglich“, erinnert sich Rolf Grabhorn. „Meine Stiefmutter versuchte, das Wasser mit dem Feudel aufzuwischen.“ Doch das Wasser stieg im Haus Zentimeter um Zentimeter. Es kam durch den Keller.Fatal: Rolf Grabhorn konnte nicht schwimmen. „Plötzlich sah ich mir die Badewanne näher an. Ich hatte sie mir als Transportmittel ausgesucht, falls das Haus durch einen Wellenschlag einstürzen sollte.“ Die abgetriebenen Telegrafenpfähle donnerten beängstigend gegen die Hauswand.
„Das Wasser war eiskalt“, so Grabhorn. Schließlich setzten sich alle auf den Küchentisch und zogen die Beine an. Die Hunte stand einen halben Meter in dem Wohnhaus. Als Rolf Grabhorn am nächsten Morgen aufwachte, fühlte er mit der Hand den Boden. „Er war voller Schlick.“ Das ganze Vieh der Nachbarn war ertrunken. „Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah“, so Grabhorn.
