Fedderwardersiel - Gibt es irgendwo in der Wesermarsch einen schöneren Ausblick? Diese Frage stellt sich zwangsläufig, wer auf dem Balkon von Birte Reimann einen Kaffee trinkt und seine Augen über den Horizont schweifen lässt. In der Ferne sind die Kräne des Bremerhavener Containerterminals zu sehen. Ein Kreuzfahrtschiff wartet auf seinen nächsten Einsatz. Alles andere an diesem lauen Spätsommerabend ist Meer und Möwengeschrei, Watt, Wiesen und Himmel – und unendliche Weite.
Birte Reimann lebt mit ihrem Lebensgefährten Hein-Eric Eymers dort, wo andere Urlaub machen – in Fedderwardersiel. Das Haus nordwestlich der Einfahrt in den Kutterhafen bietet einen unverbauten Blick auf die Wesermündung und die Nordsee. Ein Panorama zum Dahinschmelzen. Kein Wunder, dass der Balkon, auf dem Birte Reimann und ihr Partner regelmäßig frühstücken, wenn das Wetter es zulässt, der Lieblingsplatz der beiden ist.
Sandsäcke vorm Keller
Birte Reimann ist 1962 in dem Haus geboren. Ihr Vater, der in unmittelbarer Nachbarschaft beim Bauunternehmen Haye beschäftigt war, hatte es zwei Jahre zuvor gebaut. Und bei der schweren Sturmflut im Februar 1962 hat er es wahrscheinlich auch schon wieder bereut. Aber das Haus blieb weitgehend verschont. Nur Keller und Garage standen unter Wasser. Birte Reimann hat zuletzt am 6. Dezember 2013 die Wucht der Naturgewalten erlebt. Der Sturm heulte, die Dachpfannen klapperten. „Unsere Autos hatten wir vorsorglich ins Dorf gefahren. Den Keller hatten wir mir Sandsäcken gesichert.“ Das Wasser stieg bis zur Garage. „Draußen mussten wir uns gegenseitig festhalten“, erinnert sich Birte Reimann. „Da wird einem schon mulmig, wenn das Wasser steigt und das eigene Grundstück immer mehr zusammenschrumpft.“
Für Birte Reimann überwiegen aber die Vorzüge dieser exponierten Lage. Sie genießt die Weite, das besondere Licht, das unendliche Spiel der Gezeiten. Und obwohl sie es nicht anders kennt, hat sie nicht verlernt, dieses besondere Privileg zu schätzen. Und das geht auch ihrem Lebensgefährten so, der ebenfalls an einem ganz besonderen Ort aufgewachsen ist – nämlich in der Seefelder Mühle, die einst seinen Großeltern gehörte.
Birte Reimann weiß: „Dieser Ausblick ist besser als Fernsehen.“ Ihre Feriengäste sehen das genauso. Viele von ihnen kommen jedes Jahr wieder. Wenn sie aus dem Auto steigen nehmen sie als erstes einen tiefen Atemzug. Und dann schwärmen sie von der Luft, die immer ein bisschen nach Salz schmeckt.
Früher kaum Touristen
Der Lieblingsplatz hat seinen Reiz in all den Jahren nicht verloren, auch wenn es in Fedderwardersiel nicht mehr ganz so ruhig ist wie in Birte Reimanns Kindheit. „Damals gab es kaum Touristen“, erinnert sich die 57-Jährige. In den vergangenen Jahrzehnten sind es immer mehr geworden. Ein wenig von der früheren Beschaulichkeit erlebten Birte Reimann und Hein-Eric Eymers dieses Jahr zu Ostern, als der Corona-Lockdown den Tourismus an der Küste lahmlegte. Birte Reimers freut sich, dass Butjadingen bei Urlaubern so beliebt ist. Aber diese Stille an den Ostertagen war auch für sie etwas ganz Besonderes.
