Fedderwardersiel - Reinhild Nießen steht auf der Brücke der „Wega II“ und strahlt die Nordsee an. Endlich ist sie wieder hier draußen. „Wenn ich auf See bin, geht’s mir gut“, sagt die Kapitänin, während Steuermann Kevin Oltmanns das Schiff sicher in Richtung Horizont manövriert. Kein Wölkchen steht am Himmel, und das Meer ist glatt wie ein Spiegel. Es ist ein Saisonauftakt nach Maß – wenn auch einer mit Verspätung.
Corona hat den gesamten Tourismus in Butjadingen in die Knie gezwungen. Nun sind wieder Gäste in der Gemeinde. Und mit ihnen kann endlich auch die im Winter um 4,5 Meter verlängerte „Wega II“, die wegen der Krise im Fedderwardersieler Hafen an der Kaimauer lag, endlich starten.
Neun Spanten mehr
Eine erste Tour mit Urlaubern hatten Reinhild Nießen und ihre Crew schon hinter sich, als Dienstagnachmittag der offizielle Saisonstart folgte. Mit an Bord waren Bürgermeisterin Ina Korter, ihr designierter Nachfolger Axel Linneweber, Robert Kowitz als Geschäftsführer von Tourismus-Service Butjadingen, Tina Tönjes von der Touristikgemeinschaft Wesermarsch sowie Dr. Bernhard Brons und Peter Eesmann, die beiden Geschäftsführer der AG Ems, der das Schiff seit Januar 2017 gehört.
Ebenfalls an Bord war Claus Hirsch. Er ist Schiffsinspektor bei der in Emden sitzenden AG Ems und hatte federführend den Umbau der „Wega II“ geplant und dann auf der Dietrich-Werft in Oldersum an der Ems auch begleitet. Die neue Sektion, um die die „Wega II“ verlängert wurde, war nach den Worten von Claus Hirsch im Rohbau schon fertig, als das Schiff auf der Werft inklusive aller in seinem Bauch verlaufenden Leitungen und Rohre in zwei Hälften geschnitten wurde. Diese wurden mit der zu diesem Zeitpunkt noch fensterlosen neuen Sektion verschweißt und später dann die Fenster aus dem Stahl geschnitten.
Inzwischen erinnern nur noch feine Schweißnähte und geringfügig andere Fensterdichtungen daran, dass hier ein neues Stück Schiff eingesetzt wurde. Durch die zusätzlichen 4,50 Meter – oder neun Spanten, wie Schiffbauer sagen –, um die die „Wega II“ gewachsen ist, dürfen nun 147 Passagiere an Bord; bislang waren es nur 70 gewesen.
Ironie des Schicksals: Vorerst nützt die Verlängerung des Schiffs, die eine halbe Millionen Euro gekostet hat, der Reederei gar nichts. Die „Wega II“ darf trotz des Kraftakts weiterhin nur 70 Fahrgäste mitnehmen – wegen Corona und der einzuhaltenden Mindestabstände. An Bord müssen Besatzung und Passagiere Mund- und Nasenschutz tragen. Zudem gelten Einbahnstraßen-Regelungen, bestimmte Bereiche sind abgetrennt, und der Kiosk ist mit einer Plexiglasscheibe ausgestattet worden.
Robben und dicke Pötte
Ansonsten machen Reinhild Nießen und ihre Crew nun das, was sie eigentlich bereits Anfang April hätten machen sollen: Sie steigen in den Fahrplan für die Saison 2020 ein. Unter anderem gibt es wieder Piratenfahrten sowie Ausflüge zu Leuchttürmen und Seehund-Bänken und Dicke-Pötte-Touren.
Zwar kann die „Wega II“ ihre zusätzlichen 4,5 Meter zurzeit noch nicht ausspielen. Bürgermeisterin Ina Korter attestierte der Cuxhavener Reederei Cassen Eils, unter deren Flagge das Schiff fährt, aber dennoch, dass der Umbau ein großer Zugewinn für die Gemeinde sei. Maritimes Erleben sei ein Schwerpunkt im touristischen Entwicklungskonzept der Gemeinde. Einen entsprechend hohen Stellenwert habe auch die „Wega II“, so Ina Korter.
Robert Kowitz bezeichnete Fedderwardersiel als das maritime Herz Butjadingens; die „Wega II spiele dabei eine entscheidende Rolle. Weil die Gästezahlen in den nächsten Jahren noch steigen würden, sei die Verlängerung des Schiffs besonders erfreulich.
