Fedderwardersiel - Die Sonne scheint, es weht ein starker Wind. Gespannte Menschen – vor allem Eltern mit Kindern – sitzen auf den Bänken auf der Wega II und warten, dass die Fahrt hinaus aufs Wattenmeer zur Seehundbank an der Kaiserbalje losgeht. Die Sandbank kommt zum Vorschein, wenn der Wasserstand niedrig genug ist. Auf der Vorbeifahrt können die Menschen an Bord die Tiere beobachten.
Zumindest ist das der Plan. Doch schon vor Betreten des Schiffs weist der Mitarbeiter darauf hin, dass der Wasserstand an diesem Tag sehr hoch ist – wahrscheinlich so hoch, dass keine Seehunde zu sehen sein werden.
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Doch das hält die meisten nicht ab. Kapitänin Reinhild Nießen hat auch so viel zu erzählen. Schließlich fährt sie schon seit Jahren regelmäßig hinaus auf die Nordsee.
Also alles wie immer auf der Wega II? Nicht ganz. Zutritt an Bord gibt es nur mit Maske, auf dem Boden kleben Pfeile, jede zweite Bank ist abgesperrt. Hygienekonzepte sind auch auf Schiffen wichtig.
Nicht ohne Maske
Das merken die Gäste schon bei der Begrüßung: „Es herrscht Maskenpflicht“, betont die Kapitänin. Wer sitzt, darf sie abnehmen, wer unterwegs ist, setzt sie auf. Sie weist auch auf die Pfeile an Deck und im Salon hin. „Es geht nur in Pfeilrichtung voran.“
Die Wege auf dem Schiff sind eng. Normalerweise würden sich die Menschen wohl dicht aneinandervorbeibringen. Aber Corona wirkt sich auch hier aus – die Familien rücken jeweils näher zusammen und machen Platz, wenn jemand an ihnen vorbei möchte.
Die Familie Elsner aus Essen bleibt meistens auf ihrer Bank sitzen und genießt die Tour mit Blick auf das Wasser. Sabine Elsner-Kempgen macht mit ihrem Mann Stefan und der achtjährigen Tochter Davina Urlaub in Burhave. Die Einschränkungen machen ihr nichts aus. „Das ist wie zu Hause. Man muss auf sich und seine Umgebung achten.“
Währenddessen erzählt Kapitänin Reinhild Nießen viel über Seehunde – unter anderem dass sie sich ausschließlich von Fisch ernähren, dass sie unter Naturschutz stehen und dass jedes Jahr zwischen 500 und 1000 Jungtiere hinzukommen. Diese bringen die Seehunde bei Niedrigwasser auf Sandbänken zur Welt.
Lotta liebt das Watt
Unter den Gästen, die Ausschau nach den Tieren halten, sind auch Holger Bäsel und seine Tochter Lotta (7) aus dem Saarland. Die beiden machen schon zum dritten Mal Urlaub in Tossens. Trotz Corona-Regeln gefällt es ihnen auch diesmal. „Das ist ja im Saarland genauso.“ Die Siebenjährige ist ein großer Fan vom Watt. Beide stehen an der Reling und warten auf die Seehunde – die hoffentlich auch trotz nicht ausreichend niedrigen Wasserstands zu sehen sind.
Die „Wega II“ ist während der Saison fast jeden Tag von Fedderwardersiel aus auf dem Wattenmeer unterwegs. Auf verschiedenen Touren können die Gäste das Wattenmeer kennenlernen.
Die Kaiserbalje mit der dortigen Seehundbank ist eines der regelmäßigen Ziele. Die Kaiserbalje ist ein nördlich von Butjadingen liegender Priel, den Schiffe wie die „Wega II“ bei ausreichend hohem Wasserstand nutzen können.
70 Passagiere konnte die „Wega II“ bis 2019 befördern. Im Winter wurde sie um 4,5 Meter verlängert. Nun passen theoretisch 147 Menschen drauf – doch aufgrund der Corona-Einschränkungen dürfen derzeit weiterhin nur 70 Gäste mitfahren.
Holger Bäsel und seine Tochter Lotta (7) aus dem Saarland halten Ausschau nach den Tieren. Die Siebenjährige ist ein großer Fan vom Watt. Beide stehen an der Reling und warten auf die Seehunde – die hoffentlich auch trotz Niedrigwasser zu sehen sind.
Vor dem Bug taucht nun die Sandbank auf, in der gleichen Farbe wie das Wasser, zahlreiche Vögel haben sich bereits niedergelassen. Für das geübte Auge mag es zu erkennen sein, doch eigentlich sieht es aus, als ob die Vögel direkt auf dem Wasser stünden.
Seehund voraus!
Und dann kommt die Durchsage: Ein Seehund liegt auf der Sandbank. Ganz langsam gleitet das Schiff darauf zu. „Leise sein, damit alle was davon haben“, sagt Kapitänin Nießen – und dann herrscht eine gebannte Stille an Bord. Mit Masken im Gesicht stehen die Menschen an der Reling. Und da ist er zu sehen, ein schwarzer Fleck. Immer dichter fährt die Wega II auf die Sandbank zu – plötzlich ist das Tier verschwunden.
Eine Zeit lang dümpelt die Wega II im flachen Wasser an der Sandbank. Doch irgendwann werden die Maschinen wieder lauter und mit ihnen die Menschen. „Seehunde können bis zu 40 Minuten unter Wasser bleiben“, informiert die Kapitänin. „Man weiß nicht, wo und wann sie wieder auftauchen.“ Darauf kann sie nicht warten – ist der Wasserstand zu niedrig, bleibt das Schiff bis zum nächsten Hochwasser stecken.
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Also geht es wieder zurück zum Anleger. Die meisten sitzen wieder auf ihren Plätzen – und ganz plötzlich steckt ein Seehund doch noch den Kopf aus dem Wasser, wie um zu schauen, wer da so einen Lärm macht. Zumindest die eine Seite des Schiffs hat das Jungtier, wie Kapitänin Nießen am Kopf erkennt, gesehen, bevor es wieder abtaucht.
Kurz vorm Anlegen bedankt sich die Kapitänin noch: fürs Mitfahren, fürs Zuhören – und in Corona-Zeiten natürlich auch fürs Tragen einer Maske.
