Fünfhausen/Wesermarsch - Das kühle Frühjahr, der viele Regen im Sommer, eine Invasion von Raupen und die allgegenwärtigen Schnecken: In ihrem ersten Jahr als Gemüsebauern haben Klaudia und Torsten Büsing eine Menge Lehrgeld bezahlt. Der Anbau von Rot- und Weißkohl, Kohlrabi, Kürbissen, Rote Bete, Tomaten und Gurken ist eben doch ein anderer Schnack als die Milcherzeugung, mit der die Landwirtsfamilie eigentlich ihr Geld verdient. Doch trotz der goßen Herausforderungen ist der Plan aufgegangen, im 2020 eröffneten Hofladen dieses Jahr selbst angebautes Gemüse anzubieten. Aktuell ist gerade Rot- und Weißkohlzeit. Die Pflanzen wachsen auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern, die die Büsings im Frühjahr von Grünland in Acker umgewandelt haben. Vom mittlerweile verstorbenen Nachbarn Günter von Minden konnten sie eine Pflanzmaschine leihen, mit deren Hilfe die kleinen Kohlpflanzen in die Erde gesetzt wurden. „Die investierte Zeit frisst aber viel Geld auf“, sagt Torsten Büsing.

Viel investiert

Drei Mal musste er trotz des nassen Sommers gießen, und immer wieder haben seine Frau Klaudia und seine Eltern Unkraut entfernt – mit Hacke und Muskelkraft. „Ein Durchgang dauert etwa drei bis vier Stunden“, schätzt er. Angesichts der vielen investierten Zeit und Mühe finden es Klaudia und Torsten Büsing erschreckend, wie viele Nahrungsmittel in Deutschland im Müll landen – zwölf Millionen Tonnen sind es jedes Jahr. Das ist eine riesige Verschwendung von Ressourcen, denn neben der eingesetzten Arbeitskraft wird für die Herstellung von Lebensmitteln ja auch Dünger, Energie und wertvolle Ackerfläche benötigt. Pro Jahr entstehen auf diese Weise 38 Millionen Tonnen unnötige Treibhausgase. „Wir können natürlich auch nicht alles verwenden, was auf dem Feld wächst“, sagt Torsten Büsing. „Die äußeren Kohlblätter, die oft auch von den Schädlingen angefressen sind, entfernen wir. Das ist für uns aber kein Abfall, sondern bleibt als wertvoller Dünger auf dem Land.“

Einkochen wiederentdecken

Wenn Gemüse sehr krumm und schief gewachsen ist, verbraucht es die Familie für den Eigenbedarf, oder Klaudia Büsing verarbeitet es weiter, beispielsweise zu eingemachtem Gurkensalat. Im Hofladen sind aber auch kleinere Kohlköpfe oder Gemüse mit kleinen Fraßstellen im Angebot, die beim Zubereiten problemlos entfernt werden können. Im Supermarkt hätten solche Exemplare keine Chance, obwohl die Inhaltsstoffe genauso wertvoll sind wie bei makellosem Gemüse. Ein weiterer unschlagbarer Vorteil des Hofladens: Der Transport vom Acker bis zum Laden ist komplett CO2-neutral, da er mit der Schubkarre zurückgelegt werden kann. Die meisten Lebensmittel werden jedoch nicht wegen dieser vermeintlichen Mängel weggeschmissen, sondern weil sie in den Privathaushalten nicht richtig gelagert oder schlicht nicht verbraucht werden und verderben. Mehr als die Hälfte des Lebensmittelabfalls entsteht auf diese Weise, und es betrifft zu einem Drittel Obst und Gemüse. Daher wirbt die ausgebildete Hauswirtschafterin Klaudia Büsing dafür, das Einkochen wieder zu entdecken und Reste kreativ zu verwerten – in Form von Bananenmilch und anderen Milchshakes kann man beispielsweise überreife Früchte noch retten. Sie selbst wird sich in den nächsten Wochen mit der Haltbarmachung von Weißkohl beschäftigen und plant die Herstellung von Sauerkraut, was natürlich auch den Weg in den Hofladen finden soll. Zuvor muss Klaudia Büsing allerdings noch Informationen dazu einholen, welche Vorschriften zu beachten sind und welches Mindesthaltbarkeitsdatum sie dafür garantieren kann. Und im nächsten Jahr soll es auf jeden Fall wieder Gemüse vom eigenen Acker geben – mit den gesammelten Erfahrungen aus diesem Jahr im Rücken sollte es dann hoffentlich leichter von der Hand gehen.

Hans-Carl Bokelmann
Hans-Carl Bokelmann Redaktion Brake, Redaktion Jade, Redaktion Ovelgönne