Nordenham - Die Förderung des Wohnungsbaus hatten sich die Stadt Nordenham und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Wesermarsch als wichtigstes Ziel auf die Fahnen geschrieben, als sie am 10. August 1923 eine Siedlungsgesellschaft gründeten. Zunächst hielten sich die Anstrengungen der damals ehrenamtlich geführten Gesellschaft allerdings in Grenzen.
In den ersten 25 Jahren errichtete sie nur 34 Häuser mit 79 Mietwohnungen in Nordenham. Doch nach dem Ende des 2. Weltkrieges änderte sich die Lage schlagartig. Die Gemeinnützige Nordenhamer Siedlungsgesellschaft (GNSG) wurde zur treibenden Kraft im Wohnungsbau und stampfte ganze Straßenzüge aus dem Boden.
Jubiläumsfeier später
„Die GNSG hat das Stadtbild in Nordenham entscheidend mitgeprägt“, sagt Interimsgeschäftsführer Hans Francksen anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Gesellschaft. Das wäre auch ein Grund für ein großes Fest. Doch dazu kommt es vorerst nicht, weil sich das gerade Unternehmen im Umbruch befindet und ein neuer Geschäftsführer gesucht wird.
Laut Hans Francksen sind statt einer Geburtstagsfeier verschiedene Jubiläumsaktionen geplant. Dazu gehören Spendenübergaben an soziale Einrichtungen, die Anschaffung neuer Geräte für Kinderspielplätze in Abstimmung mit den Eltern und eine Ausstellung, die mit Fotos und historischen Dokumenten die Entwicklung der GNSG nachzeichnet. Bisher habe aber die Zeit fehlt, um die Unterlagen in den Archiven zu sichten.
Nach der eher ruhigen Anfangsphase sorgte die massive Wohnungsnot nach dem Krieg dafür, dass die GNSG immer mehr auf Trab kam. Um den Bau neuer Mietshäuser zu forcieren, führte die Stadt Nordenham eine Wohnraumsteuer ein und stellte Bauland zum Selbstkostenpreis zur Verfügung. In den Jahren von 1949 bis 1971 entstanden in der Unterweserstadt etwa 5000 neue Wohnungen. 1540 davon errichtete alleine die GNSG, die zudem in dem Zeitraum mehr als 600 Eigenheime hochzog. So verwandelte sich an vielen Stellen in der Stadt einstiges Weideland in Wohngebiete.
Große Investitionen
Zu den größten Investitionen der GNSG in den 50er- und 60er-Jahren gehörten zum Beispiel die Häuserzeilen an der Friedrich-Ebert-Straße, an der Adolf-Vinnen-Straße und an der Midgardstraße. Aber nicht nur in der Kernstadt, sondern auch in den Außenbezirken baute die GNSG fleißig. So entstand in Blexen ein regelrechtes GNSG-Viertel im Umfeld der Bremerhavener Straße. In Einswarden war es ähnlich. In dem Stadtteil errichtete die GNSG unter anderem Mehrparteienhäuser an der Chaukenstraße, die 1958 als „Siedlung von morgen“ gefeiert wurden und als Vorzeigeprojekt galten. Es entstanden dort 108 Wohnungen, die vor allem für Industriebeschäftigte bestimmt waren.
Zwischenzeitlich wollte die GNSG – im wahrsten Wortsinne – hoch hinaus. In den 60er-Jahren reifte die Idee, zwei jeweils 16-stöckige Hochhäuser zu bauen. Sie sollten an der Bromberger Straße und auf Gut Schützfeld entstehen. „Die Pläne waren schon fix und fertig“, erzählt Hans Francksen, „aber zum Glück ist nichts daraus geworden.“ Die Stadt Nordenham hatte nicht mitgespielt.
Gesellschafter der GNSG waren im Gründungsjahr 1923 die Stadt Nordenham mit einem Anteil von 99 000 Reichsmark und die AOK Wesermarsch, die 1000 Reichsmark zum Stammkapital beisteuerte. 1943 verabschiedete sich die Krankenkasse aus der Siedlungsgesellschaft und trat ihren Anteil an das Einswarder Bauunternehmen Herdejürgen & Harmsen ab. Als dritte Gesellschafterin wurde im Jahr 1963 die Bremer Landesbank aufgenommen, die 2017 mit der Norddeutschen Landesbank fusionierte.
Mit 81,61 Prozent ist die Stadt Nordenham die Hauptgesellschafterin der GNSG. Die Anteile der Nord LB belaufen sich auf 18,35 Prozent. Mit 0,04 Prozent ist die Firma Herdejürgen & Harmsen dabei.
Die Geschäfte der GNSG wurden fast 30 Jahre lang nebenamtlich von Bediensteten der Stadt Nordenham geführt. Erst 1952 übernahm ein hauptamtlicher Geschäftsführer die Leitung der GNSG. Dabei handelte es sich um Heinrich Müller, der diese Tätigkeit bis 1977 ausübte. Als Bauingenieur und Architekt stand ihm Karl Kleemeyer von 1958 bis 1970 zur Seite. Weitere Geschäftsführer waren Gerd Hoppe (1970 bis 1994), Hans Francksen (1994 bis 2008), Peter Cordes (2008 bis 2016) und Frank Wahlen, der den Posten vom 1. Januar 2016 bis zum 6. März 2023 inne hatte. Seit der Trennung von Frank Wahlen leitet Hans Francksen (71) als Interimsgeschäftsführer die Gesellschaft.
Bei der Suche nach einem neuen Chef hat das Auswahlverfahren begonnen. Laut Hans Francksen sind zahlreiche Bewerbungen eingegangen. Er geht davon aus, dass der Aufsichtsrat bis Ende September eine Entscheidung getroffen haben wird.
1620 Mietwohnungen mit einer Gesamtfläche von rund 92 000 Quadratmetern hat die GNSG zurzeit in ihrem Bestand. Davon stehen nur etwa 2,5 Prozent leer. Bis Anfang dieses Jahres hat die Gesellschaft auch rund 400 Wohnungen verwaltet, die sich nicht ihrem Eigentum befanden. Dieses Geschäftsfeld der Fremdverwaltung wurde aufgegeben.
Die Belegschaft der GNSG besteht aus 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Geschäftsstelle befindet sich seit 1996 im Alten Rathaus am Marktplatz. Die GNSG hatte das denkmalgeschützte Gebäude erworben und aufwendig saniert. Zuvor war die Geschäftsstelle an der Deichgräfenstraße angesiedelt gewesen.
An die Hochphase des Mietwohnungsbaus schloss sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren ein Eigenheim-Boom an. Damals war laut Hans Francksen auch die Stadt Nordenham selbst sehr aktiv im Bauträger- und Vermarktungsgeschäft. Etwa ab 1990 nahm die Errichtung von Eigentumswohnungen immer mehr an Bedeutung zu. Im Zuge dieser Entwicklung erstellte die GNSG unter anderem den „Wohnpark Sonnenblick“ an der Hansingstraße und die Neubauten im Bereich Rintelner Straße/Bremer Straße. Die dabei erzielten Erlöse nutzte die Siedlungsgesellschaft, um ihre Mietwohnungen zu modernisieren und energetisch auf Vordermann zu bringen.
Verkauf drohte
Die finanziellen Probleme der Stadt Nordenham führten 1997 dazu, dass Politik und Verwaltung eine Veräußerung der GNSG an einen auswärtigen Investor in Erwägung zogen. „Das wäre eine Katastrophe gewesen“, sagt Hans Francksen, der heute noch froh ist, dass die Verkaufspläne gestoppt werden konnten. Er hält eine kommunale Wohnungswirtschaft nach wie vor für „unerlässlich“. Neben dem Wohnungsbau hat die GNSG viele städtebauliche Vorhaben verwirklicht oder zumindest angeschoben. Ohne die GNSG würde es heute die Einkaufszentren Wesertor in der Innenstadt und Nordsee-Center in Atens nicht geben. Der Bau des Markant-Marktes in Ellwürden und des Pflegezentrums Haus Hansing sowie die Sanierung des Alten Rathauses und des Cafés Victoria sind ebenfalls GNSG-Projekte.
Mit Blick auf den aktuellen Fachkräftemangel sieht Hans Francksen es als zwingend erforderlich an, den Mietwohnungsbau wieder anzukurbeln. Er will dafür sorgen, dass die zuletzt auf Eis gelegten Projekte möglichst bald umgesetzt werden. „Die beste Werbung für eine Stadt ist, gute Wohnungen zu haben“, betont der Interimsgeschäftsführer.
Die 1958 fertiggestellten Mehrparteienhäuser an der Chaukenstraße in Einswarden waren ein Vorzeigeprojekt der GNSG. Bild Norbert Hartfil
