Nordenham - Als Marion Wolf ihre erste Stunde am Nordenhamer Gymnasium gab, da wurde noch im Unterricht gestrickt. Da waren Norweger-Pullover in Mode, Schlaghosen und lange Haare. Mehr als heute wollten die Schüler diskutieren – über Politik, über das Leben, die Gesellschaft. „Jeder zweite Satz wurde hinterfragt. Die Jugend war aufmüpfiger“, sagt die Lehrerin, ohne diese Feststellung werten zu wollen.
Inzwischen hat sie die nicht ganz so rebellischen Kinder der debattierfreudigen 80er-Jahrgänge im Unterricht erlebt – und ist von dieser Generation genauso angetan wie von allen anderen.
1981 ist Marion Wolf am Nordenhamer Gymnasium angefangen. Sie war damals gerade mal 26 Jahre alt. Jetzt ist sie 65. Vier Jahrzehnte Lehrertätigkeit liegen hinter ihr. Marion Wolf hat diese Zeit genossen und macht kein Geheimnis daraus, dass sie der Abschied ein wenig traurig stimmt. An ihrem letzten Schultag wurde sie von Schülern vor ihrer Haustür in Brake mit einer Stretch-Limousine abgeholt. Eine ganz neue Erfahrung für die Frau, die seit 40 Jahren den Zug benutzt für die Fahrt aus der Kreisstadt nach Nordenham.
Fünf Schulleiter
Fünf Schulleiter hat Marion Wolf in den vergangenen 40 Jahren erlebt. Der erste war Johannes Odinga. Der sagte sofort Ja, als sich die Brakerin nach ihrem Referendariat um eine Lehrerstelle am Nordenhamer Gymnasium bewarb. Das lag auch an der Fächerkombination: Deutsch und Kunst – das war genau das, was gerade gesucht wurde.
Die Schule habe ihr von Anfang an gut gefallen, sagt Marion Wolf. „Hier habe ich ein besonderes Vertrauensverhältnis im Kollegium und zwischen Lehrern und Schülern gespürt.“ Und so war der Einstieg leichter als gedacht, obwohl Marion Wolf nicht viel älter war als so manch ein Pennäler aus der Oberstufe. „Einmal wollte mich die Reinigungsfrau rausschmeißen, weil sie dachte, ich sei eine Schülerin“, schmunzelt Marion Wolf, die auch für ihren trockenen Humor geschätzt wird.
Respekt bei den Schülern hat sich Marion Wolf mit ihrer Menschlichkeit erworben. Das werden Generationen von Gymnasiasten bestätigen können. „Ich habe mich immer bemüht, jeden einzelnen Schüler ernst zu nehmen und als Persönlichkeit wahrzunehmen“, sagt Marion Wolf.
Auch die Schüler, die sie zuletzt als Klassenlehrerin begleitet hat, schwärmen von ihrer Lehrerin. Lilly Bakker zum Beispiel. „Ein bisschen wie eine Mutter ist sie gewesen“, erzählt die Zwölftklässlerin. Jan Cordshagen schätzt das Gespür der Lehrerin für die privaten Probleme einzelner Schüler. Ein gutes Unterrichtsklima sei ihr immer wichtig gewesen. Aber natürlich auch ein interessanter Unterricht, wie Julia Bojaczek anmerkt. Und Lilly Bakker ergänzt: „Bei ihr hat man immer das Gefühl, dass der Lehrerberuf tatsächlich eine Berufung ist und nicht nur ein Job.“
Bescheidenheit
Weil auch Bescheidenheit zu den Eigenschaften der 65-Jährigen gehört, dürften ihr solche Umschreibungen vielleicht unangenehm sein. Aber dass der Lehrerberuf für sie immer eine Berufung gewesen ist, streitet Marion Wolf nicht ab. Im Gegenteil: „Ich wollte schon Lehrerin werden, als ich sechs Jahre alt war. Da habe ich Lehrer-Schüler-Situationen mit Puppen nachgespielt.“
Für ihren neuen Lebensabschnitt hat sich Marion Wolf vorgenommen, ihre Italienisch-Kenntnisse zu erweitern.
Italien ist das Lieblingsland der Brakerin. Sie mag die Landschaft, die Kultur, das Essen, den Wein und die Menschen. Außerdem interessiert sich Marion Wolf für ein Ehrenamt. „Am liebsten würde ich was mit jungen Leuten machen“, sagt sie. „Das liegt mir einfach.“
