Stollhamm/Ahütte - Holger Stendel steht der Schweiß auf der Stirn – was nicht verwunderlich ist. Die Sonne brennt auch jetzt, am frühen Sonntagabend, noch unerbittlich über Stollhamm. Und der 55-Jährige muss Maßarbeit leisten, um den Auflieger mit den 18 Heuballen auf der Ladefläche an seinen Truck anzukoppeln. Rauf auf den Bock und vorsichtig rückwärts fahren, runter, um zu gucken, ob es passt. Wieder rauf, um leicht zu korrigieren. Jetzt haut’s hin. Gelernt ist eben gelernt.
Holger Stendel ist eigentlich Heizungsbaumeister und betreibt zudem einen Containerservice. In einer Mischung aus Beruf und Berufung ist er aber auch als Trucker im internationalen Fernverkehr unterwegs. Am Montagvormittag ist der Stollhammer zu einer ganz besonderen Mission aufgebrochen: Er bringt ehrenamtlich Futtermittel und andere Hilfsgüter ins Ahrtal, in dem die Menschen nach dem verheerenden Hochwasser große Not leiden.
Truck voll mit Spenden
Als er am Sonntagabend die letzten Vorbereitungen traf und den Auflieger ankoppelte, hatte Holger Stendel schon ein Arbeitspensum hinter sich, das mit sonntäglicher Ruhe wenig zu tun hatte. Bei Jörg Kuck in der Wisch bei Ruhwarden hatte er die mächtigen Rundballen aufgeladen. Das Heu ist eine Spende des Butjadinger Landwirts.
Derweil ist der Lkw voll mit Sachspenden, die „Land schafft Verbindung“ (LsV), eine Vereinigung von Landwirten, in der Wesermarsch gesammelt hat. Bettina Knutzen aus Loyermoor hatte die Hilfsaktion initiiert. Es gingen massenhaft Spenden ein. Die Liste reicht von Säcken mit Futtermitteln über Verbandsmaterialien bis hin zu Schubkarren, Schaufeln, Schippen und Schiebern. Die Werkzeuge stammen von der Nordenhamer Zinkhütte. Thomas Logemann aus Waddens, ein Kumpel von Holger Stendel, hatte diese Spenden organisiert.
In Großenmeer waren die Hilfsgüter am Freitagnachmittag auf den Container geladen worden, den Holger Stendel nun am Montag zusammen mit den Rundballen ins Katastrophengebiet gebracht hat. Anlaufstelle für den Stollhammer ist ein Reiterhof in Ahütte/Üxheim im rheinland-pfälzischen Landkreis Vulkaneifel. Den Kontakt dort hin hatte Bettina Knutzen geknüpft.
Holger Stendel ist mit Landwirten befreundet, hat darüber auch Kontakt zu „Land schafft Verbindung“. Und als jemand gesucht wurde, der die Hilfsgüter zu dem knapp 450 Kilometer von Butjadingen entfernten Adressaten bringt, war für den 55-Jährigen sofort klar, dass er den Job übernehmen würde.
Nächte im Brummi
Der Stollhammer hat sich darauf eingestellt, im Ahrtal mit schlimmen Bildern konfrontiert zu werden. Er ist davon überzeugt, dass das, was im Fernsehen gezeigt wird, nicht die volle Wahrheit ist, die Verwüstungen tatsächlich noch viel größer sind. Das hätten ihm auch andere Freiwillige bestätigt, die bereits vor Ort waren.
Holger Stendel sagt, dass es für ihn selbstverständlich sei, zu helfen. „Das ist mein Engagement, das bin ich.“ Dass es Leute gibt, die dabei noch ein Haar in der Suppe finden, ist dem Stollhammer unbegreiflich. „Hast du nichts Besseres zu tun?“, sei er gefragt worden. Für solche dummen Fragen hat Holger Stendel genau so wenig Verständnis wie für Leute, die im Katastrophengebiet Helfer mit Müll bewerfen oder Hilfsgüter stehlen – dem Stollhammer ist zu Ohren gekommen, dass das tatsächlich passiert sein soll.
Am Donnerstag wird der Holger Stendel aller Voraussicht nach zurück sein. Die Nächte bis dahin verbringt er in seinem Brummi.
