Herr Langheim, was ist eigentlich eine Bildungsregion?
Ulf LangheimEine Bildungsregion ist die Vernetzung möglichst vieler Bildungsakteure einer Region.
Wer sind die Bildungsakteure?
Ulf LangheimDie Bildungsakteure sind Schulleiter und Schulleiterinnen und Vertreter außerschulischer Bildungseinrichtungen, zum Beispiel von der Kreisvolkshochschule, dem Jobcenter, der Kreishandwerkerschaft, dem Kinderschutzbund und einige mehr. Auch weitere Landkreiskollegen zum Beispiel vom Jugendamt sind neben dem Team des Bildungsbüros Mitwirkende.
Wie ist die Bildungsregion aufgebaut?
Ulf Langheim ist seit 2018 Bildungskoordinator beim Landkreis Wesermarsch. Der 38-Jährige lebt in Schierbrok. Hauptberuflich arbeitet er als Lehrer am Gymnasium Ganderkesee. Die Tätigkeit als Bildungskoordinator umfasst eine halbe Stelle. „In meiner Doppelfunktion als Lehrer und Bildungskoordinator kann ich an der Schule aktiv sein und die hier in der Praxis gesammelten Erkenntnisse und Erfahrungen zugleich effizient in meine Koordinationsarbeit einfließen lassen“, ist Ulf Langheim überzeugt.
Ulf LangheimEs gibt drei Fachgruppen, die nach Bildungsalter eingeteilt sind. In Fachgruppe Eins sitzen Bildungsakteure der Primar- und Elementarbildung – also die mit Kindern bis 10 Jahren arbeiten. In Fachgruppe Zwei geht es um die Sekundarstufen – weiterführende Schulen und begleitende Akteure und Akteurinnen. In Fachgruppe Drei geht es um Erwachsenen- und Berufsbildung. Das Entscheidungsgremium ist die Steuerungsgruppe. Diese genehmigt die Finanzierung, die dann allein aus Landkreismitteln erfolgt, lässt sich berichten, gibt weitere Anregungen und passt auf, dass die Bildungsregion seine Ziele effektiv verfolgt.
Wie oft treffen sich die Fachgruppen?
Ulf LangheimSie tagen normalerweise drei bis viermal im Jahr, besprechen Probleme und sammeln Ideen für Maßnahmen. Daraus entwickeln sich häufig Projekte, die dann in der Steuerungsgruppe beantragt werden.
Wie setzt sich die Steuerungsgruppe zusammen?
Ulf LangheimIn der Steuerungsgruppe sitzen der Erste Kreisrat Hans Kemmeries, ein Schuldezernent, ein Vertreter des Schulausschusses, die Gleichstellungsbeauftragte und die Schulamtsleitung als Entscheider und beratend noch die Fachgruppensprecher und -sprecherinnen und weitere. Das Team des Bildungsbüros, der Geschäftsstelle Bildungsregion, ist in allen Gruppen. Dazu gehören neben mir Katja Schaeffer, die Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte, Dörte Wenke, die Bildungsmanagerin, die auch für das Bildungsmonitoring zuständig ist, und Barbara Milz, eine verwaltende Kollegin.
Wie wird eine Region zur Bildungsregion?
Ulf LangheimWenn ein Landkreis oder eine Stadt sich dazu entscheidet, schließt sie einen Vertrag mit dem Kultusministerium des Landes. Denn auch hier gibt es durch die Bildungsregion eine besondere Zusammenarbeit. So unterstütz das Land Niedersachsen die Kommune nicht nur durch die Landesschulbehörde, die auch einen Dezernenten in die Steuerungsgruppe entsendet und die Bildungsregionen qualifiziert und vernetzt, sondern sponsert eine halbe Lehrkraft, die als Koordinator für eine Bildungsregion abgeordnet wird. Darauf können sich die Lehrkräfte aller Schulformen bewerben. Das bin in der Wesermarsch ich.
Welche Vorteile bietet es sonst noch, Bildungsregion zu sein?
Ulf LangheimWenn möglichst viele an einem Strang ziehen, ist mehr Kraft und Energie da, um die Ziele effektiv zu verfolgen. Die Vernetzung ist der entscheidende Vorteil.
Was sind Beispiele für Projekte, die bereits gelaufen sind oder aktuell noch laufen?
Ulf LangheimGerade entsteht ein Beratungsangebot für Erziehungsberechtigte von Grundschülerinnen und Grundschülern, die durch Schulabsentismus, also auffällig häufiges oder unentschuldigtes Fehlen auffallen. Diese Problematik ist auch an einzelnen Grundschulen Nordenhams vorhanden. Ziel ist es natürlich, die Eltern zu unterstützen und dass die Kinder zuverlässig zur Schule gehen. Manchen Erziehungsberechtigten ist auch nicht ganz klar, dass eine Schulpflichtsverletzung zu einem Bußgeld führen kann. Die Grundschulkollegen und -kolleginnen leisten da hervorragende Beratungsarbeit, haben sich aber Unterstützung erbeten und dieses Projekt mit entwickelt. Außerdem kann ich hier unsere Homepage empfehlen, die unter „Aktuelles“ eine Auflistung unserer vielen Aktivitäten enthält.
Eigentlich sollte der fünfte Geburtstag der Bildungsregion Wesermarsch mit einer Bildungskonferenz gefeiert werden, die durch die Corona-Pandemie ausfallen musste. Wird diese Konferenz nachgeholt?
Ulf LangheimJa, sie soll nachgeholt werden. Es war alles vorbereitet mit tollen Referenten, unter anderem dem Kultusminister. Aber es war unausweichlich, und es gibt momentan weitaus größere Sorgen zu bewältigen. Wir müssen noch die Entwicklung abwarten, bis wir abschätzen können, wann eine solche Veranstaltung wieder stattfinden kann. Und dann braucht so etwas auch wieder eine gewisse Vorbereitungszeit.
Das Thema der Konferenz sollte „Mission: Bildungsgerechtigkeit“ lauten. Was bedeutet Bildungsgerechtigkeit?
Ulf LangheimGerechte Bildungs- und Teilhabechancen sind eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Studien wie Pisa 2018 belegen nach wie vor, dass der soziale Status, die ethnische Herkunft, das Geschlecht und andere Faktoren großen Einfluss auf Bildungsbiografien nehmen. Die Bundes- und Landespolitik versucht dem entschieden entgegenzuwirken und ergreift Maßnahmen für mehr Bildungsgerechtigkeit, unter anderem das Konzept der Bildungsregionen.
