„Undercover in der AfD“ heißt das neue Buch des Fernsehjournalisten Hinrich Lührssen. Der 62-Jährige wohnt in Bremerhaven, betreibt aber sein „Studio Bremen“ samt einer Pension in Kleinensiel.

Ein Blick auf das Buch

Kleinensiel

Herr Lührssen, können Sie nachfühlen, wie entsetzt ich war, als ich von Ihrer AfD-Mitgliedschaft erfuhr?

Hinrich LührssenJa, das kann ich sehr gut nachfühlen. Die AfD ist eine Rechtsaußenpartei, und jeder, der will, dass unsere Demokratie erhalten bleibt, so wie sie jetzt ist, der ist zu Recht entsetzt, wenn er hört, dass jemand Mitglied der AfD geworden ist.

Haben Sie durch dieses Experiment Freunde verloren?

Ein Blick auf das Buch

Kleinensiel

Hinrich LührssenJa, aber inzwischen sind sie zurückgekommen. Am Anfang war das schon heftig, das beschreibe ich ja auch in meinem Buch. Mit wurden Prügel angedroht, und meine Schwester ist ziemlich auf Distanz gegangen. So als Messlatte: Mindestens ein Drittel meiner Facebook-Freunde hatte ich verloren. Und die Leute, die dann dazu gekommen sind, posten gerne die Deutschland- oder die Reichskriegsflagge.

Das hat Ihnen nicht gefallen?

Hinrich LührssenNee, aber das musste ich natürlich in Kauf nehmen.

Haben Sie denn zwischendurch Zweifel an Ihrem Experiment bekommen?

Hinrich LührssenJa, habe ich. Es ist ja auch schwieriger geworden als gedacht.

Wann sind Sie auf die Idee mit dem AfD-Eintritt gekommen?

Hinrich LührssenDas hat sich so entwickelt. Ich kannte ja relativ unverbindlich Frank Magnitz aus Bremen, der später Bundestagsabgeordneter der AfD geworden ist. Den habe ich alle drei Monate mal zum Bier getroffen, weil ich ihn ganz interessant fand, vor allem, als er Bundestagsabgeordneter geworden war. So wie ich viele andere Leute treffe, die ich auch als Journalist kenne, deren Haltung ich aber nicht unbedingt teile. Der fand mich interessant, und daraus hat sich das entwickelt.

Das Experiment ist aber gleich zu Anfang schon schiefgegangen. Ein Vorstandsmitglied hat ihre Mitgliedschaft entgegen den Absprachen im Internet gepostet.

Hinrich LührssenIch habe stark unterschätzt, was für ein Höchstmaß an Intriganten da herumläuft. Und dadurch ist das sofort ganz schwierig geworden.

Was für Menschen haben Sie in der AfD getroffen?

Hinrich LührssenEs gibt da natürlich auch ein paar nette Leute. Gemeinsam ist wirklich allen, dass in ihnen ein Feuer brennt, dass die wirklich meinen, Deutschland stehe vor dem Untergang und müsse gerettet werden. Diese absurde Vorstellung haben echt alle.

Ist die AfD so eine Art Sekte, die eine gewisse Gläubigkeit voraussetzt?

Hinrich LührssenJa, das würde ich schon sagen. Es hat sich sogar noch dadurch verschlimmert, dass innerhalb dieser Sekte viele Verschwörungstheorien verbreitet werden. So wird die Bundesrepublik in der AfD ganz oft mit der DDR verglichen, was ja absurd ist.

Aber echte Nazis haben Sie in der AfD nicht getroffen?

Hinrich LührssenWenn man unter Nazis wirklich Nationalsozialisten versteht im wahrsten Sinne des Wortes, dann waren keine dabei. Als Oberbegriff würde ich „Nazis“ durchgehen lassen, aber wenn man es wirklich ernst nimmt, nicht. Das sind Leute, die wollen, dass es hier so wird wie in Ungarn: ein starker „Führer“ mit Resten von Demokratie, aber auch mit der Maßgabe, überhaupt keine Flüchtlinge ins Land zu lassen, und mit starken Einschränkungen für alles, was links und liberal ist.

Was können Sie Bürgern, Politikern und auch Journalisten für den Umgang mit der AfD empfehlen?

Hinrich LührssenDarüber habe ich ja ein Kapitel meines Buches geschrieben. Also: Man muss sie auf den Punkt zur Rede stellen. Allen AfDlern und anderen aus diesem Umfeld ist zu eigen, dass sie von Thema zu Thema springen. Das soll man auf keinen Fall mitmachen, sondern wirklich auf einen Punkt beharren und sie dann zur Rede stellen, denn die AfD hat kaum Ansätze, wie die Probleme gelöst werden sollen. Und darum geht‘s ja in der Politik. Viel verspreche ich mir auch von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz, denn das haut schon rein.

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland