Nordenham - 75 Jahre Mitglied im Sozialverband – das schaffen nicht viele. Karl-Heinz Jezek begeht in diesen Tagen dieses ganz besondere Jubiläum. Der Nordenhamer ist 102 Jahre alt. Im Januar 1921 hat er in Bremen-Findorff das Licht der Welt erblickt. Damals war der 1. Weltkrieg gerade drei Jahre vorbei. Bis vor kurzem, bis ihn Corona stoppte, war Jezek in Nordenham noch flott unterwegs, obwohl er im Krieg seinen Fuß verloren hatte. Heute hilft ihm seine Lebensgefährtin. Am Telefon ist er putzmunter.
Harte Kriegsjahre
Als 18-Jähriger begann Karl-Heinz Jezek eine kaufmännische Lehre. Die nahm jedoch ein abruptes Ende, als er 1940 Fallschirmjäger bei der Wehrmacht wurde. Kriegseinsatz auf Kreta: „Max Schmeling, den Boxweltmeister, der auch über Kreta absprang, habe ich nur aus der Ferne gesehen“, erinnert sich der Nordenhamer. 1941 wurde er in die heutige Ukraine verlegt. Von dort ging es 1942 nach Leningrad, in die Normandie, später nach Südfrankreich und nach Italien: Hier stand die Befreiung des Diktators Mussolini auf dem Marschbefehl. Italien hatte den Pakt mit Hitler aufgekündigt und den Duce festgesetzt.
Danach gab es für Jezek eine schicksalhafte Zäsur: Wegen Diphterie und Gelbsucht schickte ihn die Wehrmacht nach Corina d’Ampezzo, heute ein schicker Urlaubsort, für Jezek ein Lazarett. Zur Genesung ging es ins damals böhmische Eger. Als der Krieg vorbei und Jezek genesen war, macht er sich auf den Weg: zu Fuß, trotz der Amputation und der improvisierten Prothese aus Gips und „irgendwelchen Schienen, die sie zusammenhielten“. Hunderte von Kilometern ging’s nordwärts, manchmal auch „mit dem Daumen“, wie er sagt. Ein ziviler Angehöriger der US-Armee nahm ihn mit nach Göttingen. Dort machte Jezek einen Zwischenstopp, wurde Buchhalter. Nach vier Jahren ging’s dann zurück nach Bremen.
Im Bremen trat Karl-Heinz Jezek in den damaligen Reichsbund ein. Im Stadtteil Huckelriede hatte sich Vater Adi Jezek für Kriegsbeschädigte stark gemacht. „Weil ich gut schnacken konnte, wurde ich Leiter des Ortsverbands“.
Seit 1951 in Nordenham
„Als Kriegsgeschädigter kannte ich die Nöte der Menschen“, erinnert er sich: „Ich wusste, dass es nichts bringt, auf Versammlungen nur zu reden. Die Menschen wollten was erleben.“ Jezek nahm Kontakt zu einer Theatergruppe auf und sorgte dafür, dass die Mitglieder, zwei Drittel Frauen, ein „für damalige Verhältnisse recht frivoles Stück“ erleben dürfen.
1951 zog Karl-Heinz Jezek mit seiner – inzwischen verstorbenen – Frau Helga nach Nordenham. In Bremen hatte er gehört, dass dort ein Lederwarengeschäft zum Verkauf steht. Er nahm einen Kredit auf und kaufte den Laden: drei Räume, zwei davon wurden Lager. Im dritten baute er eine Chaiselongue zum Bett um und schlief zunächst zwischen Lederabsätzen und Schusterbedarf. „Wir haben Verzicht gelernt. Aber das hat sich gelohnt“.
Mit dem Geschäft ging’s voran. Seine Kunden kamen nicht nur wegen Ledersohlen, sondern auch wegen eines Rates. „Aber ich konnte nicht stärker beim Reichsbund mitmachen. Das Geschäft musste ja laufen.“ Und das tat es. 1982 übergab Karl-Heinz Jezek den Laden an Lederwaren Clausen.
