Berne - Als Rudi Schmidt den Reset-Knopf drückt und seinen beruflichen Neuanfang in der Kindertagespflege plant, muss er mit vielen Vorurteilen kämpfen. Windeln wechseln und ein bisschen mit Lego spielen, so habe es ihm sein Umfeld zu verstehen gegeben, sei doch kein richtiger Job. Acht Jahre nach dem Neustart schwärmt Schmidt allerdings mit einem zufriedenen Lächeln: „Ich will nie wieder etwas anderes tun.“
Einzelkämpfer unter Frauen
Der 56-Jährige aus Berne ist im Landkreis Wesermarsch derzeit der einzige Mann, der in der Kindertagespflege arbeitet. Ein Einzelkämpfer unter 54 Frauen, dem der Alltag mit den Kids im Alter zwischen ein und drei Jahren offenbar genau das gibt, was ihm in seinem früheren Beruf im Außendienst fehlte.
Zumindest wirkt Schmidt äußerlich so, als er seine besondere Geschichte erzählt. Er selbst habe mit sechs Geschwistern eine tolle Kindheit erleben dürfen und auch deshalb 2015 beschlossen, mit den Jüngsten zu arbeiten. Der alleinerziehende Vater von zwei Söhnen war zunächst als pädagogischer Mitarbeiter für Grundschulen tätig, absolvierte parallel den Qualifizierungskurs für Kindertagespflegepersonen und erhielt 2016 vom Jugendamt die Zulassung. Seitdem, sagt Schmidt stolz, sei „die Hütte voll“.
Eine kleine, heile Welt
Den Kindern Malia, Leevke, Henry, Milan, Hajo, Jusuf und Melina bietet er in dieser „Hütte“ aber auch einiges: moderne Küche, geräumiger Flur, ein Spielzimmer, das diesen Namen auch verdient sowie ein Garten mit Rutsche, Schaukel und Spielturm. Hund Balu und Katze Mitzi gehören ebenso zur Familie – die Kinder fahren augenscheinlich voll auf die Vierbeiner ab.
Schmidt jedenfalls spricht von seiner „kleinen heilen Welt“, in der er den Kindern Freiheit und Geborgenheit schenken möchte. So häufig wie möglich verbringe er Zeit mit den Kindern, von denen er maximal fünf zeitgleich betreuen darf, im Freien. Neben motorischen und visuellen Übungen, die den pädagogischen Anspruch erfüllen sollen, setzt Schmidt aber auch auf gezielte Entschleunigung. Die Kinder würden in der heutigen Zeit schließlich mit genügend Reizen überflutet, meint der Berner.
Dieses Konzept scheint nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern zu begeistern. Er sei mittlerweile eine feste Größe in Berne und müsse eine Warteliste führen, weil so viele Eltern ihre Kinder in seine Obhut geben möchten. Und die Kommentare von früher („Du spinnst doch“) hört Schmidt längst nicht mehr – was vermutlich auch daran liegt, dass der Stellenwert der Kindertagespflege und die Anerkennung für die Pflegepersonen in der Gesellschaft gewachsen sind.
Finanzielle Sicherheit
Bei allem Lob für seine eigenen Qualitäten will Schmidt nicht vergessen, dass er seiner Herzensangelegenheit auch deshalb so sorgenfrei nachgehen kann, weil die Zusammenarbeit mit dem Landkreis wunderbar funktioniere und die Arbeit finanziell absolut lohnenswert sei. Er habe mit der Behörde einen Vertrag über fünf Jahre geschlossen, der alles regele und ihm Sicherheit gebe. Und falls er wegen unvorhersehbarer Gründe einmal ausfallen sollte, übernimmt einfach seine Vertretungskraft die Betreuung.
Schmidt hofft, dass künftig alle Kindertagespflegepersonen eine solche Vertretung zur Seite bekommen. Und er hofft vor allem, dass sich mehr Männer eine Zukunft in diesem Job zutrauen werden. „Wer Kinder mag und selbst noch das Kind in sich hat, ist in diesem Beruf genau richtig“, sagt Rudi Schmidt. Er jedenfalls hat seinen Traumplatz gefunden.
