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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Eine äußerst virtuose Feuertaufe

04.03.2019

Brake Was für ein beglückender Abend im Braker Paul-Gerhardt-Haus! Aber wer steht eigentlich im Mittelpunkt? Der neuwertige Yamaha-Flügel, den es gilt, mit einem ersten Konzert einzuweihen? Oder Kurt Seibert, emeritierter Professor für Klavier und Kammermusik an der Hochschule für Künste in Bremen? Seibert ist der Virtuose, der das Instrument erstmals in Brake zum Klingen bringt – und so werden Solist und Flügel zu einer Symbiose bei diesem Premierenkonzert mit Werken von Johann Sebastian Bach (1685- 1750).

Wie groß das Interesse der Musikfreunde an diesem Ereignis war, erstaunte sogar Pastor Hans-Martin Röker: „Es ist wohl das erste Mal, dass alle Stühle in unserem Haus besetzt sind.“ Dem Solisten wünschte Röker „zwei glückliche Hände an einem schweren Instrument mit einem leichten Namen“. Wie auch schon in den „Gesprächskonzerten“ früherer Tage im Braker Central-Theater, reduzierte Seibert seine Bach-Interpretationen nicht nur auf das Repertoire, ein Seibert-Konzert wird auch immer eine lehrreiche Lektion und ein Rückblick in die Historie klassischer Musik.

„Bach hat alles aufgegriffen – Musik im italienischen, im französischen oder deutschen Stil“ – kündigte der Solist eines der bekanntesten Werke Bachs, das „Concerto nach italienischem Gusto“ aus dem zweiten Teil der „Clavierübung“ an; es entsprach diesem, damals überaus beliebten Stil aller Komponisten. Seibert: „Es enthält viele improvisierte Elemente, Bach komponierte es aus dem Moment heraus.“ In der Zeit des 17./18. Jahrhunderts war Leipzig eine der größten Kulturmetropolen Europas, aber die Stadt hat ihren großen Sohn Bach nicht so sehr geliebt. Der Thomaskantor galt – kaum zu glauben – als zweite oder gar dritte Wahl in der Leipziger Kulturszene. Jeder Musikfreund weiß inzwischen, dass dieses Urteil längst revidiert ist, heute gilt Bach als d e r bedeutendste Komponist des Barock und musikalischer Wegbereiter für nachfolgende Generationen.

Für seinen ältesten Sohn, Friedemann Bach, komponierte der Leipziger das „Klavierbüchlein“. Bei den „Sechs kleinen Präludien“ sieht man im Geiste förmlich den jungen Klaviereleven am Instrument schwitzen, während der gestrenge Herr Papa hinter ihm aufmerksam die Fingerübungen seines Ältesten verfolgt. „Leider“ so Kurt Seibert, „sind diese Etüden heute aus den Übungsstunden verschwunden, heute übt der Nachwuchs lieber das Intro zum Fluch der Karibik!“ Dann: ganz großes Barock: Die „Partita 6“ zählt zu den Großformen barocker Suiten, alle Komponisten dieser Zeit haben sich diesen Grundrhythmen mit ihren tänzerischen Sequenzen angenommen, aber Bach hat diese Formen, zum Höhepunkt getrieben. Für Seibert ist die „6. Partita“ die Kulmination dieses Genres schlechthin.

In der Pause bei Sekt und Selters ist ein kleinerer Bruder des Yamaha-Flügels im Foyer nicht zu übersehen: Der „Kleine“ stammt aus der Werkstatt Gebhard von Hirschhausens, der Kreiskantor hat dem Flügelchen keine Flügel, sondern einen Schlitz für die „Flügelfütterung“ verpasst, ein guter Grund für viele Konzertbesucher ihre Geldbörsen zur Fütterung zu öffnen.

Nach der Pause serviert Professor Seibert seinen Zuhörern ein Sahnestück, das alle in Erstaunen versetzt. 1879 hat Johannes Brahms – ein großer Bach-Verehrer – dessen „Chaconne“(1729) als ein Stück „Für die linke Hand alleine“ bearbeitet. Auch Seiberts linker Hand gelingt diese bravouröse und brachiale Schwerarbeit und wird mit viel Beifall bedacht. Als Violinsolo ist die „Chaconne“ heute auch ein Kultstück für jeden Geiger. „Die Chaconne ist eines der unbegreiflichsten und wunderbarsten Musikstücke“ zitierte Seibert einen Brahm’schen Briefauszug an die berühmte Pianistin Clara Schumann, geborene Wieck.

Zum Abschluss interpretierte der Professor die „Chromatische Fantasie und Fuge“. „Original-Abschriften dieses Werkes sind nicht überliefert“, erklärt er das beliebte Stück, dass allen späteren Interpreten die Möglichkeit eigener Variationen bot. „Heute“, schmunzelt Kurt Seibert, „hören Sie meine eigene Version“. Dafür und für die gesamte Hommage an Johann Sebastian Bach spendet das begeisterte Publikum einen lang anhaltenden Applaus – auch der Yamaha-Flügel hat seine Feuertaufe bestanden. So kann und sollte es in der Braker Kulturszene weitergehen!

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