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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Als Lehrer gemieden und isoliert

09.08.2018

Brake Heinrich Gerlach war umstritten am Gymnasium Brake. Das Kollegium mied den Einzelgänger. Das jedenfalls ist der Eindruck, den der damalige Schüler Jan Kuilert hatte. „In den Pausen stand er immer am Fenster und guckte verloren in die Gegend“, erinnert sich der Braker, der von ihm aber niemals unterrichtet wurde. Viele Kollegen hätten Heinrich Gerlach abgelehnt. „Er galt als Vaterlandsverräter“, merkt Jan Kuilert an.

Bis Heinrich Gerlach 1951 als Studienrat ans Braker Gymnasium kam, das sich damals an der Kirchenstraße befand, hatten er und seine Familie einen beschwerlichen Weg hinter sich. Nach seinem autobiografischen Roman „Durchbruch bei Stalingrad“, der 2016 veröffentlicht wurde und den der Gießener Germanist Carsten Gansel in russischen Militärarchiven wiederentdeckte (die NWZ berichtete), wird der Lebensweg von Franz Breuer, so heißt der Protagonist bei Heinrich Gerlach, mit „Odyssee in Rot“ fortgesetzt.

Im SchattenStalingrads

Heinrich Gerlach kam am 18. August 1908 in Königsberg zur Welt. Als Oberleutnant der Wehrmacht nahm er an der Schlacht von Stalingrad teil. Während seiner Gefangenschaft ab Februar 1943 in der Sowjetunion wurde er Angehöriger des „Bundes Deutscher Offiziere“ (BDO).

Als Gerlach 1949 politisch nicht mehr benötigt wurde, kam er in sowjetische Arbeitslager und ins Gefängnis. Weil ihm 25 Jahre Zwangsarbeit drohten, erklärte er sich zu einer konspirativen Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst bereit. Durch einen Zufall konnte er sich 1950 bei der Ankunft in Berlin dem Zugriff der sowjetischen Behörden entziehen. Anschließend lebte er mit seiner Frau und den drei Kindern in West-Berlin, wo er als Volksschullehrer tätig war.

Im Jahr 1951 sah Gerlach sich gezwungen, Westberlin zu verlassen, nachdem er von sowjetischen Agenten unter Druck gesetzt worden war. Er zog mit seiner Familie nach Brake, wo er am Gymnasium eine Stelle als Studienrat bekommen hatte. Er starb am 27. März 1991 in der Kreisstadt.

Die Beobachtungen von Jan Kuilert passen ins Bild: Nach der Schlacht um Stalingrad war Franz Breuer/Heinrich Gerlach Anfang Februar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte mit weiteren Kriegsgefangenen den „Bund Deutscher Offiziere“ (BDO) gegründet. Die meisten Gefangenen wollten nicht in der kommunistischen Bewegung „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mitarbeiten. Ziel des BDO war es, den in ihren Augen sinnlosen Krieg zu beenden.

Familie in Sippenhaft

In Nazideutschland wurden die Familien der „Verräter“ daraufhin in Sippenhaft genommen. Die Titulierung blieb bestehen, haftete den Offizieren an: In der Bundesrepublik Deutschland galten die Abtrünnigen noch lange als „Vaterlandsverräter“ – manche denken heute immer noch so über Deutsche, die das Naziregime bekämpften.

Die vorliegende Edition ist daher mehr als ein spannender Beitrag zum Schicksal Heinrich Gerlachs im Besonderen und dem deutscher Kriegsgefangener im Allgemeinen, wie es seitens des Berliner Verlags Galiani heißt. Sowohl der Autor selbst als auch Carsten Gansel in seinem Nachwort rollen ein bislang kaum beachtetes Kapitel des Widerstandes gegen die Hitlerdiktatur auf „und unterziehen die deutsche Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg insgesamt einer ebenso fundierten wie kritischen Bewertung“. Warum Männer wie Heinrich Gerlach nicht nur wenig bekannt sind, sondern in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit als Verräter verschrien waren, beschreibt der Gießener Professor auf fast 200 Seiten.

„Kein Schritt mehr allein“

Es sind Sätze wie diese, die den Leser nicht mehr loslassen: „Gefangen seit vorgestern Mittag. Kein Schritt mehr allein aus eigenem Antrieb. Preisgegeben fremdem Willen. Eigentlich hat der Gedanke wenig Beunruhigendes. So war es schon jahrelang, schon seit jenem Julitag 39, als die braune Karte mit dem Gestellungsbefehl kam.“ Das sei packend geschrieben. „Man muss immer weiterlesen“, sagt Eleonore Gollenstede, die Vorsitzende des Kulturvereins Brake. Für Kulturvereins-Beisitzer Jan Kuilert ist die Lektüre ebenfalls ein Muss. „Es wird Zeit, dass der BDO in einem anderen Licht gesehen wird, möge dieses Buch seinen Anteil dabei leisten“, so das Team des Galiani-Verlags.

 Carsten Gansel wird das 2017 erschiene Buch „Odyssee in Rot“ und die Geschichte dahinter am Donnerstag, 13. September, vorstellen. Beginn ist um 19 Uhr im Haus Borgstede & Becker an der Breiten Straße 9 in Brake. Eintrittskarten zum Preis von zehn Euro gibt es in den Buchhandlungen Gollenstede sowohl im Famila-Center als auch an der Breiten Straße 8 und im Schifffahrtmuseum, Breite Straße 9, in Brake. Die im Jahr 2000 gegründete Kulturförderung Brake hat es sich zur Aufgabe gemacht, besondere kulturelle Veranstaltungen in die Kreisstadt zu holen und Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit zu geben, daran teilzuhaben.

Ulrich Schlüter Elsfleth / Redaktion Brake
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