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Dem Terror mit
Versen getrotzt

16.12.2017
Versen getrotzt
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Brake Schwarz ist der Vorhang, vor dem die zierliche Schriftstellerin Ulrike Migdal steht. Und dunkel ist auch das Kapitel der deutschen Geschichte, das sie im Braker Gymnasium mittels der Texte von Ilse Weber aufschlägt. Sie nimmt ihre Zuhörer mit auf „eine Reise in eine noch gar nicht so lang vergangene Vergangenheit“, sagt sie zu Beginn. Die jüdische Schriftstellerin Ilse Weber, die 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, ist ihre Zeitzeugin.

Was die rund 70 Schüler der Fachgruppe Geschichte (Jahrgangsstufe 11) in den folgenden 90 Minuten hören, lässt einen erschaudern. Die menschlichen Abgründe, in die uns die Texte der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber blicken lassen, sind unvorstellbar. Ulrike Migdals vorgetragene Brief- und Textpassagen berühren. Von der ersten Sekunde an. Offenbaren sie doch ein Grauen, das Kindern, Frauen und Männern, in diesem Fall der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber und ihrer Familie, unter dem Diktat der Nationalsozialisten widerfahren ist.

Nach TheresienstaDT DEPORTIERT

Ilse Weber schrieb bereits als Kind Kinderbücher. Nach der deutschen Besetzung Ostraus siedelte sie mit ihren Eltern nach Prag über. Von hier aus wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem jüngeren Sohn Thomas am 8. Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 6. Oktober 1944 wurden sie und ihr Sohn Thomas zusammen mit anderen Kindern aus Theresienstadt in Auschwitz ermordet. Ihr Ehemann Willi überlebte. Ihrem älteren Sohn Hanuš gelang es, dank einer Hilfsaktion der jüdischen Gemeinde, nach England und später nach Schweden zu fliehen.

Mit beeindruckender, klarer Stimme erzählt Ulrike Migdal von einer starken Frau, die 1903 in Witkowitz/ Tschechien unter dem Mädchennamen Herlinger zur Welt kommt. Ihre Zuhörer sollen ein Gespür dafür bekommen, was es bedeutet, allmählich ausgegrenzt und ermordet zu werden. „Kein Mensch darf glauben, dass er besser als ein anderer ist“, zitiert sie die tschechoslowakisch-deutschsprachige Autorin. Ulrike Migdal, Jahrgang 1948, gibt Ilse Weber eine Stimme. Und fast meint man, dass es ihre Geschichte ist, über die sie berichtet. So sehr ist sie mit dem Thema verwoben.

Die Schüler sind betroffen von dem, was sie hören. Sie schweigen. Es herrscht eine beinah unnatürliche Stille in dem Schulraum. Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Person, deren pointiert und energisch vorgetragene Zeilen und die kurz angespielten Lieder einen Eindruck davon vermitteln, wie Ilse Weber und ihre Mitmenschen unter dem Terror der Nationalsozialisten allmählich zugrunde gehen.

Bei ihrer Suche nach Dokumenten über den Holocaust war Ulrike Migdal in Yad Vashem/Jerusalem auf ein Konvolut von Briefen gestoßen. „Das hat mich angestachelt. Ich suchte nach dem, was überlebt hatte“, erzählt sie. Erst durch die Veröffentlichung und einen Brief aus dem Ghetto Theresienstadt an einen Sohn in Schweden wird das Geheimnis gelüftet. Der Sohn von Ilse Weber meldet sich bei Ulrike Migdal und sagt, dass der Brief, der niemals abgeschickt wurde, ihm gegolten hatte.

Das Grauen, die Schmerzen der gequälten Menschen sind unvorstellbar. Der gesäte Hass auf die Juden, auf alles Andersartige, das schleichende Gift, das sich penetrant in die Seelen der Menschen ätzt, ist erschütternd. Bekannte, Jahre zuvor der Familie und Ilse Weber freundschaftlich verbunden, wenden sich ab, bieten keinen Halt mehr. Ilse Weber ist eine Aussätzige. „Was sollen wir tun? Wo sollen wir hin?“, fragt sie. Alles sei ungewiss.

Ilse Weber trägt schwer unter der Last. Anfangs noch voller Hoffnung, spürt sie zunehmend die Ausweglosigkeit und ist sich dann doch früh über das Schicksal, das den Juden droht, bewusst. Als aufmerksame Beobachterin des politischen Geschehens sieht sie, wie sich der Ring immer enger schließt, ihnen die Luft zum Atmen geraubt wird. In ihren Texten und Kommentaren macht sie ihren Empfindungen Luft. Sie will sich sogar das Leben nehmen.

Ulrike Migdal beschreibt Ilse Weber als eine unglaublich starke Frau, die dem Terror mit ihren Versen und ihrer kompromisslosen Mitmenschlichkeit trotzt. Mit ihrem Buch „Ilse Weber. Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt“ legt sie ein erschütterndes Dokument deutscher Geschichte vor.

Nach zwei Schulstunden und einem Moment des Schweigens applaudieren die Zuhörer. Im Hintergrund bleibt Reinhard Rakow, der Initiator der Berner Bücherwochen, dem diese Lesung zu verdanken ist. Ihm gebührt Dank, durch Ulrike Migdal auf eine mutige Frau aufmerksam geworden zu sein, die trotz allem Elend, das ihr widerfuhr, die Nächstenliebe in den Vordergrund stellte.

Ulrich Schlüter
Elsfleth
Redaktion Brake
Tel:
04401 9988 2320

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