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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Ein Mysterium bis zum Programmende

21.10.2014

Nordenham Eine junge, attraktive Frau betritt die Bühne, auf der sich bloß Klavier, Hocker, Monitorbox und ein Glas Wasser befinden. Allein und ausschließlich mit eigenen Liedern, Texten und Ideen gestaltet sie einen Konzertabend, der den Gästen in Erinnerung bleiben wird. Sie changiert zwischen so vielen eigenwilligen Charakteren hin und her, dass sie selbst bis zum Schluss des Programms ein Mysterium bleibt. Diese junge Frau ist Anna Piechotta. 2008 war die Sängerin zuletzt in der Jahnhalle in Nordenham zu Gast. Mittlerweile hat sie sich zu einer musikalischen Darstellerin von höchster Güte und Professionalität entwickelt.

Klare Stimme

Mit ihrer klaren, jugendlichen Stimme kann sie schmeicheln, warmherzig singen, charmant plaudern und sympathisch durch den Abend führen. Sie kann aber auch Abgründe hörbar machen, drohen und einschüchtern oder gar in den schrillsten Tönen durchs Zuhörergehirn schneiden.

Dazu setzt sie Mimik und Gestik expressiv ein, verwandelt sich, täuscht und überzeugt. Zu allem erklingt ihr scheinbar müheloses Klavierspiel, das Melodien erzeugt, aber auch Stimmungen, ja selbst ironische Kommentare zu den exzellenten Texten. Wortspiele, bildhafte Ausdrücke, treffende Formulierungen stehen neben überraschenden Wendungen und gelegentlichen, scheinbar völlig unpassenden Deftigkeiten.

Ihre Stoffe greift Anna Piechotta aus dem Leben, wobei sie gern grotesk überzeichnet. Mit verkniffener Miene und gezwungenem Lächeln eröffnet sie den Abend mit einem Song über die Mühen einer Sängerin, ihr Publikum zufriedenzustellen. Geliftet, geglättet, fettabgesaugt, mit Alkohol und Drogen publikumsfreundlich stimuliert, buhlt sie um die Gunst der Gäste. Natürlich spenden die den so dringend notwendigen Applaus. Die Partnersuche einer anderen Variante führt sie mit einem derb-rustikalen Bayern zusammen, der ihre Toleranz reizt, jedoch ihre polnische Familiengeschichte nicht akzeptieren kann. Mit einem bösen Kinderlied voller Drohungen und schwarzen Humor zeigt sie sich von einer ganz anderen Seite.

Gesungene Rezension

„Mein Schatten“ hat sie ihrem ständigen Begleiter gewidmet, der – so die Pointe – gern mal mit der Person, die ihn wirft, tauschen würde. Das Nordenhamer Publikum wurde zum Opernchor mit Solisten bei einer satirischen, gesungenen Rezension einer modernen Opernaufführung. In mehreren Liedern ging es um die Qual der Partnerwahl, doch dann versetzte ein sehr ernstes und einfühlsames Lied über die Beziehung zu einer dementen, sterbenden alten Frau die Zuhörer in nachdenkliche Stimmung.

Die Folgen der chronischen Vergesslichkeit beschreibt die Sängerin in einem Lied, in dessen Verlauf Häuser explodieren und sich ein verhinderter Lottogewinner umbringt. Vom Computer-Stalking einer neurotischen Frau über kindliches Unverständnis sprachlicher Wendungen, Vladimir Putins Versuch eines Schlagerhits über sein totes Lieblingsfrettchen, einen Friedhofsgärtner bis zum engen Eifeldorf („Hier braucht man keine Videoüberwachung, hier gibt es Omas in Fenstern“) reicht ihr erzählerisches Spektrum, und Anna Piechotta gestaltet jeweils ganz eigene Geschichten. Beim Song über den schmutzigen WG-Mitbewohner gibt es gleich drei Schlussvarianten: realistisch (und traurig), Typ Hollywood und Tierschutz-orientiert.

Sie beschließt ihr Programm mit einem Duett, bei dem sie sowohl Mann als auch Frau ist, muss aber noch einmal für Zugaben ran. Ein Kater als geheimnisvoller nächtlicher Stalker und ein „fröhliches Lied“ über den Kampf gegen die Einsamkeit in Hamm, Westfalen, schließen diesen gelungenen musikalischen (Klein-)Kunstabend ab.

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