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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Zwei singende Kratzbürsten

12.09.2017

Elsfleth Äußerlich treibt sie’s bunt – aber das Darunter! Baumwollene Unterwäsche umschmeichelt 70 propere Kilos – und die sind die beste Resonanz für eine Stimme, die sich gewaschen hat. Mit der „Lizenz zum Outen“ darf die Vorsitzende des Elsflether Kulturvereins, Renate Detje, den Berliner Neuling auf der Bühne im Heye-Saal vorstellen. Voilá – hier kommt Vanessa Maurischat!

Und die ist nicht alleine: Annie Heger, Allround-Talent und Rockröhre, den Elsflether Fans längst bekannt und schon lange liebevoll adoptiert, stellt gemeinsam mit ihrer Bühnenpartnerin fest: „Eine geht noch!“

Was heißt hier „Eine“? Mit einem Feuerwerk an Spitzen und Boshaftigkeiten zielen die Mädels quassellustig gegenseitig ihre verbalen und musikalischen Pfeile in Kopf und Herz der anderen: „Sie ist erst zufrieden, wenn ich am Boden liege“ oder „Kaum, dass ich sie seh, krieg ich ’ne Gänsehaut“, sie wünschen sich gegenseitig den Tod durch den Strang und können doch –in herzlicher Abneigung ein-ander zugetan –nicht vonein-ander lassen.

Deichgranate ohne Hit

Zickenalarm, Kabbeleien und Nickeligkeiten zwischen zwei selbsternannten Diven sind ja auf Deutschlands Kleinkunst- und Kabarettbühnen nicht Neues. Die „Missfits“ (Gerburg Jahnke und Stephanie Überall), „Queen Bee“ (Ina Müller und Edda Schniddgard) taten es und auch in Elsfleth frönten mehrmals die „Bösen Schwestern“ lustvoll ihrem Frust im Heye-Saal. Klar, dass auch die unsäglichen, aber unvergessenen Zweierkombinationen der Schlagerszene ihr Fett weg bekommen. „Wo der Igel fliegt und die Hoffnung blüht“ reimt es sich nicht wirklich gut, erinnert aber an Sonny und Cher, an Modern Talking, an Cindy und Ernie und Bert – das klingt gut, besonders dann, wenn sich Heger/Maurischat zuvor mit mehreren Ramazotten zugedröhnt haben.

Annie, die Landpomeranze aus Ostfriesland, kann auch mit einem Hit – natürlich auf platt – aufwarten. Als Deichgranate trällerte sie einst: „Moin, kiek an, de Katt is dood“ – leider wurde die Metapher auf die Endlich- und Vergänglichkeit kein Hit, bescherte der Deichgranate aber ramazottenbedingte Hausverbote in allen bekannten Hotelketten.

Wenn man in den Weiten Ostfrieslands geboren wird, ist die ultimative Härte festgeschrieben auf der Lebensagenda. Annie und ihre sieben Geschwister wissen ein Lied, oder zwei oder drei, davon zu singen: „Hauptsache ist, alle kommen ungeschwängert durch die Schulzeit.“

Einzelkind Vanessa hat auch an ihrem Schicksal zu knabbern; sie sieht sich als Sprachrohr der Mutlosen, der Enttäuschten und Zukurzgekommenen und das klingt zweistimmig schaurig-schön: „Traurig kommt über Nacht!“

Tatsächlich: das Duo Heger/Maurischat beherrscht wunderbar auch die leisen Töne und die machen der Vanessa ordentlich Appetit, sie hofft auf ein leckeres Pausencatering mit Krabbenbrötchen und Matjes. Ob nun die Wetterfühligkeit oder das Klimakterium schuld sind an diesen Gelüsten – es gibt nur eine Pause mit einer geteilten Zigarette (ohne Matjes), während sich das entzückte Publikum dem Rotwein hingibt.

Nach der Pause geht der Zickenkrieg munter weiter. Die Mädels mäandern böse sich durch Wetterfühligkeiten und Jugendwahn: „Wer aussieht, wie eine Klobürste, hält besser den Mund oder „Wer hässlich ist, darf vom Leben nichts mehr erwarten“. Vielleicht hilft dann Botox to go oder Fettabsaugen, ratzfatz wie bei McDrive; aber Annie ist von sich überzeugt: „Ich kann mir nicht helfen, ich finde mich schön“.

Großer Chor zum Schluss

Das Publikum findet alles schön, applaudiert spontan, als Vanessa/Annie verkünden: „Wir bleiben, wie wir sind und kommen auch in hundert Jahren noch nach Elsfleth!“

Donnernder Beifall, reichlich Zugaben und zum Schluss im großen Chor: „Dat du mien Leevsten büst“. Das stimmt dann auch die beiden fantastisch singenden Kratzbürsten versöhnlich.

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