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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Klasse Klassik in der Scheune

01.07.2019

Elsfleth /Lichtenberg Ein lauer Juniabend, sommerlich gekleidete Gäste, ein idyllischer Hof im Grünen umgeben von hohen Bäumen und mit einem Glas Wein in der Hand der Besucher die gespannte Erwartung auf ein Ereignis, dass später ganz fest in der Erinnerung verankert bleiben wird. Diese und viele andere Facetten trugen dazu bei, dass „Klasse Klassik in der Scheune“ zu einer unvergesslichen Scheunenpremiere wurde. Über ein Jahr lang hatten sich der Vorstand des Elsflether Kulturvereins, vor allem die Vorsitzende Renate Detje und das gastgebende Ehepaar Dörthe Wenderoth-Schüler und Achim Schüler, auf dem historischen Hof Lichtenberg in die Vorbereitungen des Konzertereignisses förmlich hineingekniet und den allerletzten Triumph, um alles bestens zu richten, konnte Achim Schüler für sich verbuchen: „Es ist mir gelungen, meine ländlichen Nachbarn überreden, heute Abend keine Gülle zu fahren!“

Aber auch das hätte der frisch gekürten Lichtenberger „Hunte-Philharmonie“ keinen Abbruch getan. Dort, wo vor nur kurzer Zeit noch Kühe und Rinder beheimatet waren, hatten an diesem Abend die „Helden der Oper“ das musikalische Heft fest in der Hand. Ob die „Helden der Oper – von Figaro bis Rigoletto“ tatsächlich das Prädikat „makellos männlich“ verdienen, mochte sogar Bariton Ivo Berkenbusch bezweifeln: „Ob diese Helden ihrem Ruf gerecht werden oder oft am Ende wie begossene Pudel dastehen, dieser Frage wollen wir heute auf den Grund gehen“. Ob Mozart, Wagner oder Tschaikowski, ob Rossini, Verdi oder Millöcker – um die „Helden der Oper“ aufzuspüren, konnten Ivo Berkenbusch und Kammersänger Paul Brady, am Flügel begleitet von der bezaubernden Pianistin Akiko Kapeller, auf eine Fülle „heldenhafter“ Arien der Opernwelt zurückgreifen.

Da gibt es die „sympathischen Helden“ wie „Papageno“ aus Mozarts „Zauberflöte“ (Berkenbusch brillierte auch auf den Panflöte!), oder einen Helden, der es nicht verdient, so genannt zu werden: Graf Almaviva ist in „Figaros Hochzeit“ wohl der „begossene Pudel“, dem die wahren Heldinnen – die Gräfin und Susanna – den Schneid abkaufen. „Eugen Onegin“ in der gleichnamigen Oper von Tschaikowski entpuppt sich auch eher als „tragische Figur“, denn als strahlender Held und ganz im Gegensatz zur Leichtigkeit eines Donizetti und Rossini verlieh Richard Wagner seinem Helden „Wolfram“ im „Tannhäuser“ edle Gesinnung und deutsche Tugendhaftigkeit: es dräut das Schicksal im schwärzlichem Gewande! Das war wunderschön anzuhören, wenngleich nicht mit südländischem Esprit gesegnet. Ein Grund für Berkenbusch und Brady schnell wieder auf die Schiene des italienischen Belcanto zu wechseln: „Torna a Surriento- Zurück nach Sorrent“ – die neapolitanische Weise ist eigentlich der Hit aller berühmten Tenöre. Im Jahr 1894 sollte die Canzone den damaligen italienischen Präsidenten ermuntern, die Stadt Sorrent zu unterstützen. Der Held in diesem Falle: Komponist Ernesto de Curtis. Ausufern sollte das Hohelied auf den „Machismo“ im Repertoire aber nicht, dafür sorgte Akiko Kapeller eindrucksvoll als Solistin mit Robert Schumanns „Widmung“ und Schuberts berühmten „Impromptu No. 90“, beides Komponisten denen die italienische Leichtigkeit fremd war.

Wer die wahren Helden dieses Abends waren, stand schon vor der Pause fest – ob als Solisten oder im Duett, Berkenbusch und Brady waren mit ihren einfühlsamen, temperamentvollen und strahlenden Interpretationen der berühmten Arien und ihren Begeisterung erzeugenden Stimmen längst in den Herzen der Besucher angekommen. Sowohl die Gäste mit Händen, heiß vom Applaudieren, als auch das Bühnentrio hatte sich Regeneration verdient: Small-Talk auf dem Hofareal, ein kühles Getränk und eine leckere Stärkung nach dem musikalischen Schmankerl „Wien, Wien nur du allein“, machten auch Appetit auf noch mehr „ makellose Helden“. Dass müssen nicht immer gestandene Mannsbilder sein, auch im Tierreich wird um die Wette gestritten, wem das Prädikat „Macho“ zusteht. In Rossinis Duett „Buffo di due gatti“ maunzten sich Brady und Berkenbusch als verliebte und eifersüchtige Kater nach Herzenzlust an, das mehrfach angestimmte, mal drohend-knurrige, mal weinerliche „Miauuuu“ riss die Gäste zu Beifallsstürmen hin. Nicht zum ersten Mal: zuvor brillierte Paul Brady in seiner Paraderolle des selbstverliebten Figaro aus dem „Barbier von Sevilla“; als „Faktotum der schönen Welt“ würzte der Bariton diese Kavatine mit schauspielerischer Schlitzohrigkeit. Ob verzweifelter Hofnarr Rigoletto, ob Malatestas Engelsromanze, ob temperamentvoller Torero in der Oper „Carmen“, ob „Bettelstudent“ oder Osmins Suche nach einem „Liebchen“ - dem Publikum wurde klar, dass wahre Männlichkeit in der Oper Seltenheitswert hat und Ivo Berkenbusch beschloss seinen lockeren Moderationspart mit der Erkenntnis: „Die Frauen sind die Schlauen – daher muss ’Mann’ einfach den Helden einfach nur spielen!“ Stehende Ovationen des begeisterten Publikums, Dankesworte der Künstler, Blumen für die Künstler und Gastgeber, ein Geschenk für eine gerührte Renate Detje und dann ein letzter Hit aus Italien: zu dritt schmetterten Berkenbusch, Brady und die Vorsitzende den Gassenhauer „Volare“ – Schlusspunkt für ein makellos musikalisches Ereignis der Spitzenklasse.

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